Archive | März, 2016

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Vergesst das Fernsehen?

Posted on 30 März 2016 by b.s.m.

Das klassische TV-Sendermodell sei hinfällig, man brauche neue Finanzierungs- und Vertriebswege. So dieneue Dok-Leipzig-Chefin Leena Pasanen im Interview mit SpOn (26.10.2015).

Warum TV-Sender zu kritisieren noch nicht „rückwärtsgewandt“ ist

„Seitdem ich in Deutschland bin, werde ich immer wieder dazu aufgefordert, das deutsche Fernsehen für seine Förderpolitik zu kritisieren. Ich bin in Finnland bewusst aus dem Fernsehgeschäft ausgestiegen, weil ich nicht mehr an das klassische Sendermodell glaube. … Wir erleben gerade das, was die Musikbranche vor Jahren schon durchgemacht hat: Die Leute legen nicht mehr Wert auf die Verpackung eines Produkts – ob sie Musik als CD oder Schallplatte präsentiert bekommen, ist für sie nicht entscheidend. Genauso geht es Filminteressierten, denen ist es egal, auf welchem Weg sie an einen Film kommen.“ Doch wie viele Musiker können von der „Internet- Verwertung bzw. Selbstvermarktung“ leben? Welche Umsätze werden da generiert? Es hört sich viel an, wenn der Streaming-Anbieter Spotify mitteilt, dass er insgesamt rund 500 Mio. Euro an die Rechteinhaber gezahlt habe. Liegen darin nicht die Perspektiven, wenn zudem im Jahr 2014 die Streaming-Einnahmen die von CD-Verkäufen zum ersten Mal übersteigen? (Tonspion). Für Geoff Barrow von Portishead stellt sich dies anders dar. Er legte Ende April 2015 offen, wie viel er im Jahr zuvor über Streamingangebote verdient hat.

Wie rückwärtsgewandt ist die Kritik am Fernsehen? Foto: John Donges

Wie rückwärtsgewandt ist die Kritik am Fernsehen? Foto: John Donges

34 Millionen Streams spülten 2.300 Euro in seine Kasse. Portishead verdienten also pro Stream eines Songs gerademal 0,007 Cents. Anscheinend verdienen hier vor allem die Streaminganbieter sowie die Majors. Und so kritisiert Geoff Barrow die Universal Music Group auch dafür, dass sie seine Musik so günstig unter das Volk bringt. Ein Großteil der Bands hat deshalb die Schlussfolgerung gezogen, mehr Konzerte zu geben.Doch sollen die Dokfilmer, so wie eben die Musiker Konzerte geben, nun sich selbst vermarkten und mit ihren Filmen von Kino zu Kino ziehen? „Bis vor einiger Zeit war es vor allem im Fernsehen für den Erfolg eines Films entscheidend, was davor und danach programmiert war. Solche Überlegungen sind aber mittlerweile hinfällig: Die Leute konsumieren Filme und Fernsehen, wann und auf welcher Plattform es ihnen am besten passt. Meine 82-jährige Mutter schaut sich alles auf ihrem Laptop an. Das ist die Realität, der
wir uns stellen müssen.“ Doch stimmt das so? Kann man von einer großen Zahl einzelner Fälle auf die Allgemeinheit schließen? Auch heute noch ist im Fernsehen entscheidend, was vor oder nach einem Film läuft. Davon hängt die Zuschauerzahl ab. Zudem besteht fast immer eine Zusammenhang zwischen der Zuschaueranzahl im Live-TV sowie dem folgenden Zugriffszahlen in der Mediathek.

Es ist auch ein Irrglaube, dass die Menschen mehr im Netz per Livestream oder Abruf als im Fernsehen Filme sehen. Sicher, die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer nimmt zu, auch verweilen sie länger im Netz. Doch wenn ein Tatort eine Millionen Abrufe hat, ist das viel, die Fernsehreichweite liegt oftmals weit über 10 Millionen. Selbst Premiummarken erreichen im Netz also oftmals nicht mehr als 10 Prozent des Publikums. Wie das kommt? Das Internet wird eben nicht so umfangreich wie behauptet zum Fernsehkonsum genutzt.

Die Bevölkerung ab 14 Jahren aufwärts nutzt im Schnitt am Tag das Fernsehen 208 Minuten lang und das Internet 107 Minuten (Daten: Bernhard Engel und Christian Breunig, ARD/ ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015, Media perspektiven, 7-8/2015, S. 310 ff., online). Die tägliche Nutzung des „medialen Internets“, also von Medienangeboten (Zeitungen, Radio, Fernsehen, Video, Audio, Blogs) liegt bei 26 Minuten. Im Schnitt nutzt jeder das Netz täglich drei Minuten für Fernsehen und drei Minuten für Videos, die nicht im Fernsehen laufen. Und wie sieht das für die 14 bis 29jährigen aus? Stellt es sich für sie wesentlich anders dar? Sie nutzen im Schnitt am Tag das Fernsehen 144 Minuten lang, also 64 Minuten weniger, und das Internet 187 Minuten, also 80 Minuten mehr als der Durchschnitt. Die Nutzung des „medialen Internets“ liegt bei ihnen mit 48 Minuten also nicht einmal doppelt so hoch wie im Schnitt der Gesamtbevölkerung.

Gerade einmal 14 Minuten täglich nutzen sie mediale Bewegtbildinhalte. 6 Minuten verbringen sie mit Fernsehen und 8 Minuten mit Videos, die nicht im Fernsehen laufen. Es ist also bislang nur eine Minderheit – freilich eine junge und online-affine – die nur noch auf dem Laptop oder Mobilgeräten schaut. Von dieser auf „alle“ zu schließen, ist schlicht unangebracht. So unangebracht, wie sich vorschnell vom Fernsehen als Finanzierungs- und Verbreitungssystem für Filme – auch Dokumentarfilme – zu verabschieden

„Fernsehsender zu kritisieren, halte ich deshalb für rückwärtsgewandt. Stattdessen müssen wir sehen, was es für neue, nachhaltige Modelle der Finanzierung und des Vertriebs geben kann.“ Wer das Fernsehen, so wie Leena Pasanen, nicht kritisiert, der hat es aufgegeben. Konsequenterweise müsste sie dann auch fordern, den Rundfunkbeitrag abzuschaffen. Doch davon einmal abgesehen: Welche Modelle sollen das sein? Welche Summen fließen über die Sender und die Filmfördereinrichtungen in Filme und müssten dann über das „Netz“ bzw. andere Wege generiert werden?

ARD und ZDF haben jährlich ca. 8,7 Mrd. Euro zur Verfügung. Für dieses Geld sollen sie Programm machen. Dafür haben die für den Rundfunk in Deutschland zuständigen Parlamente der Bundesländer ihnen und auch den Privatsendern in Paragraf 6 des Rundfunkstaatsvertrages als Prämissen vorgegeben:

  • dass die Fernsehveranstalter zur Sicherung von deutschen und europäischen Film- und Fernsehproduktionen als Kulturgut sowie als Teil des audiovisuellen Erbes beitragen sollen,
  • die Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum darstellen und zur Förderung von europäischen Film- und Fernsehproduktionen den Hauptteil ihrer insgesamt für Spielfilme, Fernsehspiele, Serien, Dokumentarsendungen und vergleichbare Produktionen vorgesehenen Sendezeit europäischen Werken entsprechend dem europäischen Recht vorbehalten sollen,
  • einen wesentlichen Anteil an Eigenproduktionen sowie Auftrags- und Gemeinschaftsproduktionen aus dem deutschsprachigen und europäischen Raum enthalten sollen.

Dies ist die Grundlage, auf der die Sender Programm machen dürfen. Warum soll man nicht einfordern, dass sie sich daran auch halten? Leena Pasanen meint, dass es Filminteressierten egal ist, „auf welchem Weg sie an einen Film kommen. Hauptsache, er ist dann verfügbar, wenn es ihnen passt.“ Das mag im Einzelfall stimmen. Im Einzelfall kann es für Produzenten und Dokfilmer auch sinnvoll sein, sich vom Fernsehen zu verabschieden. Einigen kann es dadurch besser gehen. Doch der Mehrheit? Was bedeutet dies für die gesamte Branche? Welche Mittel kann man so generieren? Wie viele Menschen werden Filme vor allem im Netz sehen und dafür noch jeweils bezahlen?

Und – was sind sie zu bezahlen bereit? Welche Perspektive hat also die (Dok)-Filmbranche, wenn sie das Fernsehen „vergisst“? Auf viele Fragen ist die Antwort offen. Dok-Leipzig sollte sich dieser Fragen annehmen – am besten im Rahmen des Festivals 2016.

 

Heiko Hilker lebt in Dresden und arbeitet als Geschäftsführer
des Dresdner Instituts für Medien, Bildung und Beratung. Er ist Mitglied im MDR-Rundfunkrat.

 

Der Artikel »Vergesst das Fernsehen?« ist von Heiko Hilker und im Auslöser 4/ 2015 erschienen.

 

 

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Filmprofis to go

Posted on 23 März 2016 by b.s.m.

Wird das eine Eintagsfliege oder hat das Zukunft? Das fragte sich Holger Zigan, als er mit seinem Geschäftspartner Armin Eichhorn beim Amt für Wirtschaftsförderung in Leipzig vorstellig wurde – mit einer im Osten absolut exponierten Idee: Filmwebinare.

Filmprofisgoto

Das Ziel: Dem knappen Wissensangebot in der aufstrebenden sächsischen Filmkunstszene etwas entgegensetzen und der „großen Laterne Berlin“ ein paar „Motten“ abgewinnen. Unter dem Namen Kolleg Film sollte es Erwachsenenbildung werden, wie in ihrer Arbeit mit der Berliner Filmschule filmArche. Webinare sind noch ein junger, hierzulande relativ unbekannter Kanal der Wissensvermittlung. Zigan und Eichhorn ließen sich nicht entmutigen, schließlich kennen sie die zähen Kämpfe der Independent-Filmbranche. Letztlich haben sie die Förderung aus Leipzig bekommen. Vor zwei Monaten ging das Webinar-Angebot online. Finanziert wird Kolleg Film als GbR nicht von staatlicher Förderung, wie die Konkurrenz von filmseminare.de in Brandenburg und München. Die VHS Leipzig ist als Partner im Gespräch.

Mittlerweile kann Kolleg Film mit einem „bunten Blumenstrauß an Dozenten“ viele Interessen bedienen. Treue langjährige Weggefährtin ist Katti Jisuk Seo: Die Deutsch-Koreanerin studierte Geschichte und Scriptwriting und wurde Fachfrau für Story Consulting & Scriptwriting. Übersetzt: „professionelle Geschichtenerzählerin“. Film-Enthusiasten, denen zur Projektidee ein zündender dramaturgischer Kniff fehlt, bietet sie via Kolleg Film Inspiration und Geburtshilfe, beispielsweise mit dem Pool „Drehbuch und Dramaturgie“: Filmschaffende können gezielt wählen zwischen Storytelling, Spannungsbogen und Stoffentwicklung. Katti Seo greift erzählerische Tricks aus erfolgreichen Kinofilmen oder Fernsehserien auf (Der Hobbit, Breaking Bad).

Die Innovation findet an der Grenze von Mainstream und Independent statt, damit das Projekt in der Realisierung später einerseits herausstechen und andererseits auch kommerziell seinen Erfolg einfahren kann – der Spagat zwischen Plausibilität und Überraschung. Das Handwerkszeug der Webinar-Dozenten ist solide, umfassend und erfolgversprechend. Angebote sind einzeln oder im Paket buchbar, Individual-Webinare erfordern einen etwas besser gefüllten Geldbeutel. Voraussetzung für alle: funktionierendes Internet. Hauptzielgruppe von Kolleg Film sind fortgeschrittene Film- und Fernsehschaffende. Für unabhängige Filmkünstler ist das Filmwebinar womöglich interessant, um jene erzählerischen Regeln zunächst zu lernen, die sie im Anschluss brechen wollen.

Anna-Sophie Naumann,
lebt in Leipzig und arbeitet als freie Redakteurin. Sie ist fast absolvierte Master-Studentin (Information & Communication Science), mit einer großen Affinität zur Verbindung von Film und Historie. Schreibt viel und gerne. Liebt die kontroverse Kunstszene Dresdens.

 

Der Artikel »Filmprofis to go« ist von Anna-Sophie Naumann und im Auslöser 4/ 2015 erschienen.

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„Und dafür ist doch Film da, oder?“ – Der sächsische Film auf der 66. Berlinale

Posted on 22 März 2016 by christian_zimmermann

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Wir sind die Flut © Anna Wendt Filmproduktion GmbH

Neben dem Film „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, der als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der 66. Berlinale lief (ein Interview mit Anne Zohra Berrached erscheint im AUSLÖSER 01/2016), hatte auch der Film eines weiteren Verbandsmitglieds eine Premiere: Regisseur Sebastian Hilger präsentierte seinen Diplomfilm „Wir sind die Flut“ in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“. Continue Reading

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Sachsen im Kurzfilmfieber

Posted on 16 März 2016 by b.s.m.

Der 21. Dezember ist der kürzeste Tag des Jahres und damit das perfekte Datum, um den Kurzfilm zu feiern. In Sachsen und dem Rest der Republik werden am KURZFILMTAG an unzähligen Orten kurze Filme laufen. Die Idee dazu kommt aus der Cineasten-Hochburg Frankreich und wurde 2012 vom Bundesverband Deutscher Kurzfilm adaptiert. Zum KURZFILMTAG kann jeder seine ganz eigene Veranstaltung auf die Beine stellen und noch bis 20. Dezember auf www.kurzfilmtag.com anmelden. Wer eigene Filme hat, kann diese präsentieren. Alle anderen haben die Wahl zwischen 15 speziell zusammengestellten Filmprogrammen.

rosavonpraunheim

Der KURZFILMTAG hat in den letzten Jahren viele Fans und Freunde gewonnen, darunter prominente Schauspieler, Filmemacher und Filmenthusiasten. Einige von ihnen wurden in diesem Jahr zu Botschaftern, so etwa Filmregisseur Rosa von Praunheim, Grimme-Preisträger Ludwig Trepte und Filmkritiker Knut Elstermann. In Videos erzählen sie von ihrer persönlichen Beziehung zu dem kurzen Format und dem kürzesten Tag des Jahres. Auch Schirmherrin und Staatsministerin Prof. Monika Grütters liebt das kurze Format. Ihr Ministerium fördert den KURZFILMTAG ebenso wie die Sächsische Staatskanzlei und die Kulturstiftung des Freistaates.

Erstmalig rücken in diesem Jahr Kinder und Jugendliche in den Fokus. Im Rahmen des Pilotprojekts „Wir zeigen’s Euch!“ sollen Kurzfilme von bzw. für 12- bis 19-Jährige gezeigt werden. Unterstützt wird die Initiative von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien, vom Bundesverband Jugend und Film, dem Sächsischen Bildungsinstitut und von Vision Kino. Premiere feiert auch eine Kontaktbörse, die Filmschaffende und Kinobetreiber aus der jeweils selben Region zusammenbringt. Aus Sachsen sind u.a. die Leipzigerin Clara Wieck, Fabian Schmidt aus Dresden und die in Chemnitz geborene Franka Sachse vertreten. Über eine Suchfunktion lassen sich Filme aus der „Nachbarschaft“ finden und eigene regionale oder lokale Programme zusammenzustellen. „Mit dem KURZFILMTAG möchten wir das kurze Format zum Zuschauer bringen“, so Jana Cernik, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Kurzfilm. „Dabei spielen die Orte eine besondere Rolle. Lichtspielhäuser und Filmclubs sind natürlich prädestiniert. Aber auch Fußballstadien, Kneipen, Hinterhöfe, Wohnzimmer oder Flüchtlingsunterkünfte können zum Kinosaal umfunktioniert werden.“ Die Telefonzelle, das Motiv des diesjährigen KURZFILMTAGES, steht symbolisch für diese Vielfalt. „In dem Fernsprechhäuschen werden am 21. Dezember aber auch tatsächlich Kurzfilme laufen. Wir von der AG Kurzfilm planen einen solchen Event in Dresden“, so Cernik. In der Kurzfilmhauptstadt wird daneben u.a. zu einer Kurzfilmnacht in eine Waldschänke und zu aktuellen indischen Dokumentarfilmen in eine Galerie eingeladen. In Leipzig sind beispielsweise das Programm „Short Attacks“ im UT Connewitz und „DOK Shorts“ in der Cinémathèque Leipzig in der naTo zu erleben.

Stefan Bast
lebt in Dresden und ist freiberuflich im Bereich Kommunikation/PR tätig, u.a. für die AG Kurzfilm.

 

Der Artikel »Sachsen im Kurzfilmfieber« ist von Stefan Bast und im  Auslöser 4/ 2015 erschienen.

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SCHLINGEL-Direktor Harbauer setzt auf Nachhaltigkeit

Posted on 09 März 2016 by b.s.m.

1996 gründete Michael Harbauer das SCHLINGEL-Festival, gerade auch, um seinem Sohn Kinderfilme im Kino zeigen zu können. Dieses Jahr öffnete er die Vorführungen auch für Flüchtlingsgruppen: „Wir versuchen alle zu erreichen, die den Status Kind haben und sich mit Medien auseinandersetzen“, sagte der Festivaldirektor zur 20. Ausgabe. Gesellschaftlich relevante Themen setzte er auch in diesem Jahr wieder ins Programm – und diese Filme erreichen die Zielgruppe.

Workshop der Filmwerkstatt, Foto: Filmfestival SCHLINGEL

Workshop der Filmwerkstatt, Foto: Filmfestival SCHLINGEL

So zeichnete die siebenköpfige Jugendjury den französischen Film „Young Tiger“ von Zypriern Vial aus. „Ich will arbeiten“, ist einer der ersten Sätze von Hauptfigur Many. Deswegen haben ihn seine Eltern von Punjab hergeschickt, aber in Frankreich dürfen Kinder nicht arbeiten. Many tut es trotzdem, schließlich hilft er auch beim Schleusen. Den Preis begründen die Schüler eines Chemnitzer Gymnasiums dieser Film ermöglicht neue Sichtweisen auf die Zwänge und Ängste von Zuwanderern. Es entwickelte sich bei uns eine Empathie, welche vor allem bezüglich der aktuellen Lage von großer Bedeutung ist.“ Zum Nachdenken bewegte auch die afghanisch-kanadische Produktion „Mina Walking“, die im Panorama zu sehen war. Die selbstbewusste, 12jährige Titelheldin (Regie: Yosef Baraki) soll von ihrem Vater an einen Freier verkauft werden und rebelliert dagegen. Von einer anderen Seite als sonst beleuchtete „Enklave“ den Krieg. Der 10jährige Nenad muss mit dem Panzer zur Schule gefahren werden, weil er als Serbe mitten im Kosovo wohnt. „Die Schüler zeigten Empathie mit der Situation, nach einer Schlüsselszene war der ganze Saal still“, sagte Harbauer.

Hauptpreise erhöht

„Enklave“ wurde von der Fachjury mit dem Hauptpreis der Stadt Chemnitz und der Sächsischen Landesmedienanstalt SLM ausgezeichnet,
der in der Altersgruppe 5 bis 13 vergeben wird. Durch die Zusammenlegung dieser zwei Förderer ist das Preisgeld hier mit 10.000 Euro dotiert und unterstützt die Herausbringung im deutschsprachigen Raum. Zudem erhöhte die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Eva-Maria Stange den Europäischen Kinderfilmpreis, der ebenfalls der Vermarktung zugutekommen soll, von 5.000 auf 12.500 Euro. Michael Harbauer setzt auf Nachhaltigkeit: „Die Filme sollen auch nach dem Festival noch im Gespräch bleiben.“ Die Preisgelder sollen Sender und Verleiher ermutigen, die Filme in ihr Programm aufzunehmen. „Dieses Preisgeld wird komplett für die deutsche Synchronisation verwendet“, erzählte Harbauer. Der Festivaldirektor konnte zudem die Leipziger Synchronfirma STL als Kooperationspartner gewinnen. Diese übernahm für Arsenal schon die Synchronisation des frankokanadischen Eishockey-Films „Die Pee-Wees“, der 2013 beim SCHLINGEL gewonnen. hat.

 

Der Artikel »SCHLINGEL-Direktor Harbauer setzt auf Nachhaltigkeit« ist von Gisela Wehrl und im  Auslöser 4/ 2015 erschienen.

 

 

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Medienkunst in Dresden: Aktion – Reaktion

Posted on 02 März 2016 by b.s.m.

Mit dem Aufruf an die Kunst zu intervenieren – bevor es jemand anderes tut – eröffnete am 12. November die 19. CYNETART – Internationales Festival für computergestützte Kunst und transdisziplinäre Medienprojekte. „Die Macht liegt auf der Straße,“ warnte Alf Thun von der Leipziger Satire-Organisation „Front Deutscher Äpfel“ nachdem er soeben mit seiner Truppe in einem Putsch die Eröffnungszeremonie im Festspielhaus Hellerau übernommen hatte. Sein Appell lautete: „Sie sind ja als Künstler dazu da, Entwicklung vorab zu spüren, zu antizipieren, gesellschaftliche Diskurse anzustoßen, zu öffnen, usw.“ Etwas zurückhaltender äußerte sich Arne Nowak und wollte erst einmal eine „Arbeitsatmosphäre“ schaffen. Eine neue CYNETART wolle er mit allen Teilnehmern gestalten, so der Vorstandsvorsitzende der Trans-Media-Akademie Hellgrau.

„Hidden Voices/Versteckte Stimmen“ von Lucie Freynhagen und Denise Ackermann vor der Motorenhalle, Dresden, Fotos: Sabine Kues, David Pinzer

„Hidden Voices/Versteckte Stimmen“ von Lucie Freynhagen und Denise Ackermann vor der Motorenhalle, Dresden, Fotos: Sabine Kues, David Pinzer

Im Gegenzug bot das Festival den Rahmen dazu mittels Workshops und Diskussionsforen, u. a. zu der Frage, wie nachhaltig Festivals überhaupt noch sind. Der „Artlerist“ Raik Zimmermann – fusioniertet Künstler und Galerist – stellte in einer Art „who is who“-Runde die 2014 von Ronny Szillo gegründete Leipziger Galerie BSMNT als eine Art Off-Room für Medienkunst vor. Mitgebracht hatte die BSMNT Gallery ein Doppel der Medienkunstszene in Sachsen: Tilman Hornig, Absolvent der HfBK Dresden und Ullrich Klose, Student an der HGB Leipzig. Ihre Installation „Warzen“ thematisierte das virtuelle Erleben von Krieg gegenüber dem Verbrauch von tatsächlichen Ressourcen; im Falle der Installation: Trockeneis. Das symbolische Feuer kam aus Tabasco-Fläschchen.

Alf-Thum

Mit Flucht und Vertreibung befassten sich ebenfalls Christoph Wachter und Mathias Jud bei der Performance Lecture „Capital of the World“, in der beide Künstler ihre Forschung zum Regime der Ausgrenzung anhand von Projekten in Australien und auf der Insel Lesbos vorstellten. Hierbei entwickelten sie Werkzeuge um Machtdispositive zu überwinden und Kommunikation möglich zu machen, wie mit der App „Qual“, die spontane Net

Damit lag der Schwerpunkt der CYNETART auf dem Entstehungsakt und dem Experimentieren der Kunst und war als Einladung zu einer Aktion als Reaktion zu verstehen. Neben den Gesprächsrunden im „Forum“-Programm gab es jedoch auch umgesetzte computergestützte Kunst in „Projekträumen“ zu sehen: so das Video „Can‘t Stop“ von Linda Franke. „I am working in a good restaurant and developed the habit of spitting into the food before I serve it. […] I can‘t stop. I can‘t stop,“ ist eines der anonymen Bekenntnisse, die die Künstlerin im Internet gesammelt hat und durch Performance und Animation verkörpert auf die Leinwand brachte. Nach weltweiten Ausstellungen von den USA bis nach Japan stellte die geborene Dresdnerin erstmals in ihrer Geburtsstadt aus und verkörpert und entblößt die Gesellschaft zugleich.

Mit „Wohin gehen wir? – videokunst zur stadtgesellschaft“ hinterfragt die reine Videokunstausstellung des riesa-efau – Kultur Forum Dresden noch bis zum 19. Dezember die Stadtgesellschaft und deren Gestaltung. In den Räumlichkeiten der Motorenhalle zeigt sie in Kooperation mit Directors Lounge Berlin Videoarbeiten mit einem Themenspektrum von Politik über Verkehr bis hin zur Gewalt. Letztere findet quasi auf dem „Hauptplatz“ statt, der größten Projektionsfläche der Ausstellung: Das Musikvideo „Stress“ des französischen Regisseurs Romain Gavras zeigt einen Gewaltexzess von einer Gruppe Halbstarker. Zu dem Titel D.A.N.C.E. der Gruppe Justice, ziehen sie durch die Straßen, verprügeln und randalieren. Das Video von 2008 stellt dabei weitere Fragen: Wie viel Gewalt lässt man zu? Wer schreitet ein? Fast schon meditativ hingegen ist die Arbeit „WASSERTRAGEN“ von Juliane Schmidt, absolvierte Meisterschülerin bei Monika Brandmeier an der HfBK Dresden. In 90 Minuten trägt die Künstlerin einen Eimer Wasser aus ihrer Wohnung in das Waldbad Dresden-Klotzsche und thematisiert auf verquere Weise die Annehmlichkeiten der funktionierenden Großstadt und wiederum den steten Tropfen eines Individuums. Zwei weitere Künstler der sächsischen Medienkunstschmiede sind vertreten in „Thoughtcrime / Crimethought“ durch Hein Godehart Petschulat und Sebastian Helms. Eine Überwachungskamera zeigt den Diebstahl eines Verkehrsschilds, das auf einen überwachten „Plaça de George Orwell“ in Barcelona hinweist.

Reine Videoarbeiten aus auszustellen sieht Denise Ackermann weniger problematisch als programmatisch. „Man schafft es nicht, sich alle Arbeiten anzuschauen, aber das ist auch nicht notwendig, glaube ich, man schafft ja auch nicht ‚Stadt‘ komplett zu erfahren.“ Dazu gehört sicherlich auch die Arbeit „HIDDEN VOICES / VERSTECKTE STIMMEN“, die sie gemeinsam mit Lucie Freynhagen umgesetzt hat. Ausgangspunkt hierzu waren die von einer Lehrerin gesammelten Zitate ihrer Schüler zu den ankommenden Flüchtlingen und der Entwicklung von PEGIDA. Mittels Handschriften-Paten brachten die beiden Künstlerinnen diese versteckten Stimmen in den öffentlichen Diskussionsraum und druckten sie auf Plakate, die vom 22. Oktober bis 31. Oktober über ganz Dresden verteilt hingen. Im Hof der Motorenhalle werden alle 49 Zitate noch einmal projiziert. Eine eigene Antwort zu „Wohin gehen wir?“ gibt der syrische Künstler Manag Halbouni mit seiner Installation „Nowhere is Home“. Mit einem ausgestellten Auto hinterfragt er wie es sein kann, dass man in Dresden wohnt – und trotzdem nicht zu Hause ist.

 

Der Artikel »Medienkunst in Dresden: Aktion – Reaktion« ist von Sabine Kues und im  Auslöser 4/ 2015 erschienen.

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