Copy & Paste geht nicht

Posted on 21 April 2016 by christian_zimmermann

Sachsens Filmemacher suchen nach Erzählstrategien für Trans- und Crossmedia

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Aus dem Webspecial “ 14-Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ / Bild: Looks Film, www.14-tagebuecher.de

Als der Zug der Gebrüder Lumière auf das allererste Kinopublikum zurollte, konnte sich in dieser Geburtsstunde des Kinos niemand vorstellen, welche Vielfalt das junge Medium noch hervorbringen würde. Nun stehen ähnliche Veränderungen bevor: „Bei Transmedia ist es, als würden wir den Stummfilm erörtern“, sagt Alexander Herrmann, der gerade in Leipzig die Firma nifu.tv gründet, um Projekte für neue Medien und Virtual Reality zu entwickeln. Wieder wird sich das Erzählen durch die schier unendlichen Möglichkeiten der neuen Medien verändern. Doch wohin die Reise geht, weiß noch niemand. „Im Fernsehen hat es auch Jahrzehnte gedauert, bis sich die heutigen Formate entwickelt haben“, meint Alexander Hermann. Schlagworte wie beispielsweise Immersion, Consumer-Bindung und Interaktion bestimmen die zögerliche Debatte, das macht Transmedia noch schwerer zu fassen.
Den Begriff Transmedia prägte vor allem der US-Medienwissenschaftler Henry Jenkins. Gemeint ist, dass Teile einer Geschichte auf mindestens zwei Medien verteilt werden. Jedes Medium bringt dabei seine spezifischen Stärken ein und funktioniert eigenständig. Transmedia = Eine Storywelt, viele Stories, viele Formen, viele Kanäle. Im Unterschied dazu lässt sich Crossmedia so zusammenfassen: Crossmedia = Eine Story, viele Kanäle.
Mit Definitionen will sich Britta Senn nicht mehr aufhalten. Jede Art von Erzählung, die sich mit digitaler Technologie umsetzen lässt, fällt für sie in diesen neuen Bereich. Britta Senn hat die Transmedia-Sektion bei DOK Leipzig mit aufgebaut, also „Net Lab“, „Hackathon“ und die „DOK Neuland“-Ausstellung, und dabei erkannt, wie dringend nötig die Vernetzung der Branche für diesen Bereich ist. Daher organisiert sie in Leipzig den „Beta Web Lab“-Stammtisch und ist nun die treibende Kraft hinter einem Mitteldeutschen Transmedia-Verein, der demnächst gegründet werden soll. „Viele gehen völlig blauäugig rein“, beschreibt sie ihre Erfahrungen aus vier Festivals und ihrer Beratungsarbeit. Vor allem müsse man als Produzent oder Filmemacher herausfinden, ob man Transmedia überhaupt machen will. Denn man muss dazu in ganz neuen Teams arbeiten: „Man braucht neue Kollegen wie Coder, Designer oder auch Games-Entwickler. Das neue Erzählen geht nicht als Copy- und Paste-Verfahren.“
Dass man nicht einfach die Inhalte aus einem Medium in das andere verfrachten kann, war auch dem Team von „14 – Tagebücher des 1. Weltkriegs“ klar. Deswegen erstellten die Autoren auch jeweils eigenständige Texte für die achtteilige Doku-Serie, die Internetseite, zwei Bücher und die Ausstellung, die alle im Rahmen des 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs entstanden. „Manche Tagebuchzitate der Protagonisten eigneten sich z.B. besser fürs Web als für den Film“, erzählt Producer Florian Dedio von LOOKS Film und TV, die „14 Tagebücher“ produziert hat. Auftraggeber für die eigenständige Homepage war der Südwestrundfunk, der neben der Filmproduktionsfirma für den Content auch die technischen Dienstleister beauftragte. „Wir haben nicht selber Programmierer gesucht“, betont Florian Dedio. Das sei nicht das Geschäftsfeld von LOOKS: „Unser Steckenpferd sind Filme.“ Auch bei der Ausstellung lieferten sie ausschließlich Content zu, Konzeption und Erstellung lagen beim Militärhistorischen Museum in Dresden. Das zentrale Highlight der Ausstellung war ein archäologisch ausgehobener Schützengraben, den sich der Besucher so „in echt“ ansehen konnte. Für eine solche reale, haptische Erfahrung wird sich das Publikum vermutlich auch dann noch begeistern, wenn Virtual-Reality-Brillen zum Massenprodukt geworden sind.
Denn obwohl es manchmal nicht so scheint, eine physische Erfahrung behält auch in einer digitalen Welt ihren Reiz. Davon berichtete bei einem „Top:Talente“-Workshop zum „Erzählen im digitalen Zeitalter“, der im Februar in Leipzig stattfand, auch Jörg Ihle. Der frühere Drehbuchautor, Regisseur und Games-Autor berät heute Transmedia-Projekte. Als „Storyteller“ gestaltet er die „Erzählwelten“ für den Europa Park in Rust. Seit Herbst 2015 verknüpfen sie dort das Erleben in einer echten Achterbahn mit einer Welt aus der VR-Brille, die exakt auf die Bewegung und damit die sich ständig verändernde Schwerkraft abgestimmt ist. Sorgen, dass VR den Gang in den Freizeitpark ablösen wird, haben sie in Rust nicht: „Das Gemeinschaftserlebnis ist dort genauso wichtig wie im Kino“, ist Ihle überzeugt.
Transmedia bedeutet also längst nicht immer virtuelle Welt, denn was wirft einen Menschen so drastisch auf seine Körperlichkeit zurück wie eine Fahrt in der Achterbahn? Auch die Firma Thadeus Roth verknüpft analoge und digitale Aspekte im Erzählen. Sie entwickelt und verkauft sogenannte Suddenlife Gamings. Deren Idee ist, dass künstlich erzeugte „Spielelemente“ in das reale Leben der „Spieler“ eingeschleust werden, das so beeinflusst und manipuliert wird. Damit bietet Thadeus Roth eine Sonderform der Alternate Reality Games (ARG), die klassisch auf verschiedene Medien wie Videos, Blogs, E-Mails usw. zurückgreifen und bewusst die Grenze zwischen fiktiven und realen Erlebnissen vermischen. Häufig findet das Spielerlebnis fast ausschließlich im Netz statt.

Medien für Alternate Reality Games von Thadeus Roth / Bild: Thadeus Roth

Medien für Alternate Reality Games von Thadeus Roth / Bild: Thadeus Roth

„Das ist bei uns anders“, sagt Thadeus Roth-Geschäftsführer Dennis Levin: „Durch unser Kommunikationssystem können wir schließlich dafür sorgen, dass Zehntausende sehr intensiv über Alltagsmedien wie das Telefon angesprochen werden. “Endkunden können beispielsweise den Provinz-Krimi „Blut am Pflug“ kaufen oder verschenken. Dies dauert rund fünf Wochen, beinhaltet handschriftliche Briefe und kostet 69 Euro. Für Business-Kunden hat das Team von Thadeus Roth mittlerweile mehrere Großprojekte durchgeführt, so auch 2014 für den Tatort „Alle meine Jungs“ von Radio Bremen. Die 500 aktivsten Spieler bekamen zudem Post-Sendungen. „Unser Geschäftsmodell funktioniert unabhängig von der Förderung“, sagt Levin. Dennoch entwickelt er mit seinen Kompagnons auch eigene Transmedia-Projekte, die durchaus Anschubfinanzierung brauchen könnten. Wie stehen die Fördereinrichtungen zu dieser neuen, transmedialen Welt, die sich mitunter nicht leicht in hergebrachte Förderschemata fügen will?
Für Britta Senn von DOK Leipzig wären eigentlich die Wirtschaftsförderer die besten Ansprechpartner: „Es ist noch nicht klar, ob die Medien selbst tragbare Erlösmodelle in diesem Bereich entwickeln werden. Aber die Projekte können wichtige Impulse für andere Wirtschafts- und Forschungszweige wie z.B. Medizin geben.“ Senn denkt dabei u.a. an das Virtual-Reality-Projekt „Deep“, das im vergangenen Jahr den „DOK Neuland“-Publikumspreis gewonnen hat. Über eine VR-Brille und einen Gurt, der die Zwerchfellatmung misst, steuert dabei der Anwender mit meditativer Atmung durch eine Unterwasserwelt. Ganz nebenbei entspannt sich der Spieler. Deshalb findet das Projekt mittlerweile auch Anwendung in der Schmerztherapie.
Dennoch ist die Förderung von Transmedia-Projekten erstmal bei der Filmförderung angedockt worden. Ansprechpartner in Sachsen ist die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM). Diese hatte schon mit Gründung 1998 – und damit als erste deutsche Filmförderung – den Bereich Multimedia in die Richtlinien aufgenommen. „Die Vergabemittel der MDM sind nicht nach Förderarten oder Projekttypen budgetiert. Das heißt, alle Projekte der MDM – auch aus dem Bereich Multimedia – werden aus dem Jahresfördervolumen von über 14 Mio. Euro bewilligt,“ sagt Nadja Albus-Hilbert. Die MDM-Fördermitarbeiterin für diesen Bereich wünscht sich noch mehr Mut zur Antragseinreichung, weiß aber auch, dass sich neue Geschäftsmodelle nicht von heute auf morgen etablieren: „Je mehr Transmedia-Projekte sichtbar sind, desto zwangsläufiger ist die Beschäftigung damit.“
Und stärkere Sichtbarkeit hilft vermutlich auch bei der Finanzierung, denn bislang werden Transmedia-Projekte meist in Etappen gedacht. So kann auch der Leipziger Produzent und Firmengründer Alexander Herrmann die Finanzierung seines Projekts „Future Diaries“ aktuell nur stufenweise realisieren.

Fünf „Derivate“ davon, also einzelne Erzählprodukte für verschiedene Medien, finanzieren sich einzeln einfacher als das komplette transmediale Projekt, so Hermann. Er hat vorher vier Jahre im Bereich Interaktive Medien an der Filmakademie Baden-Württemberg gearbeitet und dann als Berater für innovative TV-Formate für das Red Bull Media House. Die fiktive Storywelt von „Future Diaries“ ist im Jahr 2018 angesiedelt, nach einem Kollaps des Welt-Finanzsystems, woraus sich sowohl kriminelle als auch friedliebende Gesellschaftsformen entwickeln. Dabei stellen sich wirtschaftliche wie soziale Fragen. Hermann plant neben einer Graphic Novel auch ein „Massively Multiplayer Online Game“ (MMOG) – das also häufig von mehreren Tausend Spielern gleichzeitig online gespielt werden kann – und eine Virtual-Reality-Serie. Im Erfolgsfall soll alles in eine klassische Fernsehserie münden. „Das ist eine Taktik, zu der wir neuen Medienproduzenten gezwungen sind: nach und nach kleine Häppchen zu veröffentlichen, eine Marke aufzubauen, um dann mit einer selbst kreierten ,Fanbase’ nach weiteren Geldern zu suchen“, sagt Herrmann.

Concept Art für die Storywelt von "Future Diaries“ , Bild: nifu.tv / Marc Zimmermann

Concept Art für die Storywelt von „Future Diaries“, Bild: nifu.tv / Marc Zimmermann

Er sieht in den neuen Erzählformen sogar neue Wirkungsmöglichkeiten und greift damit die alte Frage auf, wie Film, Kunst und Medien gesellschaftlich relevant sein und Menschen in ihrem Verhalten beeinflussen können, gerade bei seinem Projekt, das sich mit alternativen Gesellschaftsformen aus- einandersetzt: „Am Ende von Hollywood- filmen muss das Leid der Hauptfigur mit Sinn erfüllt werden. Dieses Gefühl des sinnvollen Leidens überträgt sich dann auf den Zuschauer, was ihn passiv macht und ihm mögliches aufgebautes Aktionspotential raubt. Neue Medien hingegen haben das Potential, Leute in die Aktion zu führen.“
Dieses Potential eines „Social Impacts“ wurde auch für die Produkte um den Kinofilm „10 Milliarden“ mitbedacht, den die Leipziger Celloluid Fabrik produziert hat. Der Film stellt die Frage, wie die rasant wachsende Welt- bevölkerung künftig noch angemessen ernährt werden kann. Der Dokumentarfilm wurde um ein Buch ergänzt, das zwar weitgehend der Struktur des Films folgt, aber weitere Protagonisten und Inhalte aufnimmt. Flankierend wurde auch die Plattform „tasteofheimat.de“ erstellt, gefördert vom „Digitale Inhalte“-Topf der Filmstiftung NRW. Auf tasteofheimat.de kann man herausfinden, welche bäuerlichen Produkte in der eigenen Region hergestellt werden. „Eine Kernaussage des Films ist ‚Esst lokal, kauft regional‘ und wir wollten dieses Thema nachhaltig umsetzen“, erzählt die Produzentin Tina Leeb. Gerade bei diesem Thema könne der Verbraucher tatsächlich etwas verändern und aktiv werden.
Aber auch über „10 Milliarden“ hinaus spürt Leeb als Film-Produzentin mittlerweile einen gewissen Druck, Transmedia machen zu müssen, sagt sie. Sie hat mit einem weiteren Projekt bereits an dem Workshop „Power To The Pixel“ teilgenommen. Dennoch sieht sie diese Entwicklung durchaus auch kritisch: „Manchmal gibt es eben nur eine lineare Geschichte, nicht mehr und nicht weniger.“
Teilweise haben aber auch die „User“ ganz viele Geschichten, und Interaktivität stellt eine der großen Anwendungsmöglichkeiten für transmediales Erzählen dar. Der Österreicher Karl-Martin Pold nutzte diese Geschichten bei seiner Recherche für den klassischen Dokumentarfilm „Sie nannten in Spencer“, an dem auch DEPARTURES Film aus Leipzig beteiligt ist. Pold taucht mit dem Projekt tief in die Storywelt Bud Spencers ein und suchte z.B. auf seiner Facebook-Seite und seinem Blog nach Bud-Spencer-Geschichten von Fans. Im Gegenzug füttert er diesen mit einem eigenen Erzählfluss aus Film-Zitaten und Infos zu seinem Film. Über 200.000 Nutzer sind mittlerweile allein auf Facebook dabei, obwohl der Film noch nicht einmal fertig ist. „Wenn ich schreibe, dass ich einen Übersetzer suche, habe ich am nächsten Tag 30 E-Mails“, erzählt der Regisseur. Auch Geld für die Produktion sammelte Pold über seine „Bud-Spencer-Gemeinde“ ein, per Crowdfunding. So vermischen sich bei diesem Projekt PR und Transmedia.
Noch ist transmediales Erzählen vor allem geprägt vom Experimentieren, denn offen ist noch, welchen Mehrwert das Publikum zu schätzen weiß, und vor allem, ob und wie man damit Geld verdienen kann. Auch in Sachsen ist diese Suche schon in vollem Gange. Ergebnisse offen. Britta Senn ist überzeugt: „Wir dürfen das nicht in eine Form pressen, bevor wir es verstanden haben.“

Transmedia-Stammtisch in Leipzig: Infos unter FB-Gruppe BetaWebLab
Weitere Vernetzung unter www.transmedia-guide.de

Gisela Wehrl lebt in Leipzig und arbeitet als Filmjournlistin, Autorin und Dramaturgin.

Der Artikel »Copy & Paste geht nicht« ist von Gisela Wehrl und im AUSLÖSER 01/2016 erschienen.

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