Freigedreht

Posted on 02 Januar 2017 by christian_zimmermann

Schachmatt-(c)-Glücklicher-Montag-_-OSTPOL

H. erzählt seine Geschichte in „Schachmatt“ als Rap.

Schwarwel verbrachte einen Sommer mit jugendlichen Straftätern

„In meinem Kopf fängt vieles an, wenn ich mit meinen Gedanken eingesperrt bin“, Marcel R. stellt sich der Kamera und reflektiert seine Situation. Er sitzt in der Jugendstrafvollzugsanstalt
Regis-Breitingen. Die tägliche Monotonie aus „Aufschluss, Arbeiten gehen, Einschluss“,zermürbt seinen Geist. Die Einsamkeit frisst ihn
auf.

Marcel ist einer von 14 jugendlichen Straftätern, die an einem Filmworkshop teilnahmen. Initiiert hat ihn Vera Schmidt, stellvertretende Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins OSTPOL. Sie trat mit ihrer Idee an die Leipziger Agentur Glücklicher Montag und den Comiczeichner und Animationsfilmer Schwarwel heran. Von ihnen wusste Schmidt, dass sie bereits Erfahrungen mit Workshops im Sozialbereich haben. So arbeiteten sie etwa mit einer Gruppe Mädchen in einem sogenannten „Mädchenhaus“ und gestalteten dort zusammen mit den Sozialarbeitern einen Zwei-Tages-Workshop. In Erlangen geben sie seit einigen Jahren zudem immer Comic-Workshops in Lernstuben mit ‚Problemkindern‘ und in der Nachmittagsgestaltung von Jugendhäusern mit Lernschwachen.

Für die Jugendlichen war es eine willkommene Gelegenheit zur Flucht aus dem monotonen Alltag. „Das war ein sehr respektvolles, sehr schönes Arbeiten mit den Jungs“, resümiert Sandra Strauß
vom Glücklichen Montag. „Am Anfang, als wir den Jugendlichen Schwarwels Film ‚Leipzig von oben‘ zeigten, hatten wir schon weiche Knie.“Schwarwel ergänzt: „Am Ende haben wir aber gemerkt, dass man wirklich was bewegen kann, wenn man ernsthaft genug an die Sache rangeht.“

Durch die Sicherheitsbestimmungen waren die Arbeitsbedingungen nicht gerade einfach für sie.„Dir fällt ja sofort die Decke auf den Kopf“, erzählt Schwarwel. „Nach 20 Minuten hast du selbst eine Art von Knastsyndrom. Du weißt, du bist eingesperrt und in deiner Freiheit eingeschränkt. Du musst durch die Sicherheitskontrolle, deine Sachen im Spind einschließen. Dadurch hat es auch am Ende bestimmt doppelt so lange gedauert, die Filme fertigzustellen.“ Strauß und Schwarwel merkten auch schnell, dass die ursprünglich angedachte Dauer des Workshops nicht reichen würde. „Jeder der Filme sollte eigentlich etwa eine Minute lang sein“, erzählt Schwarwel. „Am Ende sind es aber bis zu drei Minuten geworden, weil man ihre Geschichten einfach nicht in einer Minute erzählen kann.“

Willi-(c)-Glücklicher-Montag-_-OSTPOL

„Willi“ ist eine der aufwändigsten Produktionen und wird von fünf Jugendlichen in Co-Regie erzählt.

Von Juli bis Oktober entstanden so sechs Kurzfilme, in denen die Jugendlichen ihre Situation, beschreiben und wie sie dorthin gekommen sind. Mit Fotos und Pappcollagen, Zeichnungen und Sprechgesang erzählen sie von Fehlern und folgenschweren Entscheidungen, reflektieren ihre Vergangenheit. „Nathawut“ nennt sich einen „Vollidioten“, weil er im Suff einen Türsteher lebensgefährlich verletzt hat und rekonstruiert jene Nacht mit eigenen Strichzeichnungen. H. verarbeitet sein Schicksal als Rap in „Schachmatt“. „Willi“, die aufwändigste Produktion der
sechs Filme, ist eine kollektive Regiearbeit von fünf der Jugendlichen und erzählt von einem typischen „Werdegang“ aus Heimkindheit, Alkohol, Drogen und Kriminalität. Ideen und Umsetzung geschahen „drinnen“. An Tonmischung, Schnitt und Feinarbeit arbeiteten die Profis dann „draußen“. Ihre Premiere feierten die Kurzfilme im Rahmen von DOK im KNAST des diesjährigen DOK Leipzig. Seit 2013 ist das Festival regelmäßig zu Gast in Regis-Breitingen, im Süden von Leipzig. Eine Auswahl des Programms wird im Rahmen der Dokwoche auch in der JSA gezeigt. Die Ge- www.ostpol-leipzig.de spräche im Anschluss mit den Filmemachern zählen zu den spannendsten Momenten der Dokwoche,denn der Blick der Insassen auf die Filme unterscheidet sich oft grundlegend von dem der Festivalbesucher.

K. Schumacher arbeitet als Kunsttherapeutin in der JSA und hat den Workshop unterstützt: „Kunst ist für die Jugendlichen Selbstermächtigung im Kontrollentzug. Deshalb ist die Arbeit mit den Jugendlichen auch so wichtig.“ Schumacher kennt den Alltag im Knast und war begeistert, die Jungs auch mal von einer anderen Seite kennenzulernen. „Bei dem ein oder anderen hat es mich wirklich sehr erstaunt, wie sehr sie sich darauf eingelassen haben.“

Das Angebot, sich innerhalb der Mauern künstlerisch zu betätigen, ist begrenzt, die Plätze in der Kunsttherapie knapp. Gerade deshalb ist die Arbeit im Workshop so wichtig und sollte auf jeden Fall fortgesetzt werden, wenn es nach allen Beteiligten geht. Marcel R. blickt zuversichtlich in die Zukunft. Für ihn ging es darum, mit seinem Film „Einsam in der Menge“ Mut zu machen – sich selbst und allen anderen, egal ob draußen oder drinnen.

www.ostpol-leipzig.de

Der Artikel »Freigedreht« ist von Lars Tunçay und im AUSLÖSER 4/ 2016 erschienen.
Fotos: Glücklicher Montag / OSTPOL

Comments are closed.

Advertise Here
Advertise Here

PARTNER SEITEN

  • 1 SMWK
  • 2 KdFS
  • 3 MDM
  • 4 SLM
  • 5 DIAF
  • 6 SLUB
  • 8 Hellerau
  • 9 filmportal
  • a crew united
  • b onlinefilm.org
  • fairTV e.V. Interessenverband für faire TV-Produktionen in Deutschland
  • Grüner Drehpass
  • IG Freie
  • Netzwerk-Kultur-Dresden