Erste und dritte Welt parallel

Posted on 09 Dezember 2016 by christian_zimmermann

„Once Again“ beinhaltete für das Team eine besondere interkulturelle Erfahrung

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Der alternde Filmstar Amar (Neeraj Kabi) verliebt sich in seine Köchin Tara (Shefali Shah)

Fotos: Neufilm / Eeshit Narain, Conrad Lobst

Jeder Tag begann identisch beim Dreh von „Once Again“: Die erste Kameraeinstellung zeigte einen kleinen Plastikstuhl, auf dem die Hindu-Gottheit Ganesha thronte, mit Elefantenkopf und einem Stoßzahn – der Altar am Set. In den Kokosnusshälften qualmten die Räucherstäbchen. Etwas später wurde dann im Team das Kokosfleisch herumgereicht. In Asien völlig normal. „Das deutsche und das indische Filmsystem sind nicht vergleichbar, das fängt bei der Finanzierung an und hört bei der Vermarktung auf“, erzählt Produzent Holm Taddiken von seinen Erfahrungen mit „Once Again“: „Einerseits kann man sich dort auf wenig verlassen, andererseits kann man auch kurzfristig wahnsinnig viel bewirken.“ Taddiken hatte mit seiner Firma Neufilm bereits mit „Fernes Land“ das Regiedebüt des deutsch-indischen Regisseurs Kanwal Sethi produziert, der Dreh fand allerdings ausschließlich in Leipzig statt. Der zweite Film wurde in diesem April und Mai nun komplett in Mumbai gedreht, mit 375.000 Euro förderte die MDM die Koproduktion von Neufilm mit ARTE und ZDF/ Das kleine Fernsehspiel. Neben Sethi waren von deutscher Seite die Leipziger Conrad Lobst und Dino Weisz während des gesamten Drehs vor Ort.

Autor und Regisseur Sethi erzählt ein modernes Märchen des alternden Filmstars Amar, einsam in der Megacity Mumbai, und seiner Köchin, der Witwe Tara, die ihn aber bislang noch nie getroffen hat und nur von der großen Leinwand kennt. Die Stadt Mumbai wird mit ihrer Kulisse zum dritten Hauptdarsteller, was den Dreh nicht einfacher machte. „Jeden Tag stand der Film vor dem Scheitern“, sagt Weisz, der Sethi und Taddiken als „Associate Director“ und „Associate Producer“ zur Seite stand und auch viele produktionstechnische Abläufe koordinierte. Der Locationscout sprang kurzfristig ab und damit fielen viele Drehorte weg. Fatalerweise auch die zentrale Location von Amars exklusiver Wohnung. Für eine solche Location fällt selbst für deutsche Verhältnisse eine sehr hohe Miete an. Das liegt schon in der Eigenheit des Landes, sagt Weisz: „Erste und dritte Welt kommen in Indien zusammen.“ Neben Säuglingen, die mit ihren Müttern auf der Straße schlafen, gibt es auch eine Schicht, für die Geld keine Rolle spielt. Und die Wohnung der Filmfigur konnte eben nur aus dieser ersten Welt stammen. Weisz hatte dann das Glück, in der PR-Managerin eines Luxus-Hotels einen großen Fan des Amar-Darstellers Neeraj Kabi zu finden, so dass die High Society-Wohnung dort gedreht werden konnte. Aber die Filmbegeisterung und der Starkult in Indien behinderten die Dreharbeiten an anderer Stelle: Das Drehbuch sah viele Szenen vor, in denen die Köchin Tara in Mumbai unterwegs ist. Doch sobald die prominente Darstellerin Shefali Shah auf der Straße erkannt wurde, versammelten sich Trauben von Menschen um sie herum. Genauso, wie es der Hauptfigur in „Once Again“ passiert.

Altar am Set von „Once Again“ in Mumbai

Altar am Set von „Once Again“ in Mumbai

Dieser Star-Kult beinhaltet auch einen größeren Einfluss auf die Produktion als dies in Deutschland der Fall ist. Extrem wichtig war darum der „Vanity Van“, der Wohnwagen für die Hauptdarsteller, schon allein, weil dieser mit einer Klimaanlage ausgestattet ist. „Sonst schmilzt im indischen Sommer bei 40 Grad und enormer Luftfeuchtigkeit wirklich das Make-up weg“, erzählt Lobst, der bei „Once Again“ als „Supervising Cinematographer“ arbeitete und dabei auch Aufgaben als Operator und B-Kameramann übernahm. Er vergleicht die Strukturen in „Bollywood“, wie die Filmindustrie in Mumbai heißt, mit dem amerikanischen System. In beiden Ländern haben die „Unions“, die Gewerkschaften, einen großen Einfluss. Jeder Filmschaffende darf nur innerhalb eines streng abgegrenzten Aufgabengebiets arbeiten, was zu großen Teams führt. Dass es allerdings in Indien billiger sei, jemanden zu bezahlen, der die Lampe hält, als ein Stativ zu mieten, verweist Lobst ins Reich der Mythen. Dennoch: „Unser Film galt bei den meisten Crew-Mitgliedern als der kleinste Film, den sie je gemacht haben. Obwohl wir als Team nie weniger als 70 Mann hatten“, erzählt Lobst.

Die Trennung der Gewerke zeigte sich auch beim Thema Komparsen. Von der Agentur werden die Komparsen einfach nach Alter und Geschlecht an das Set geschickt. Eine Auswahl ist nicht vorgesehen. Sethi und Weisz wollten aber direkt auswählen. „Ich kam in eine riesige Halle, wo 500 Leute auf langen Bänken warteten. Alle lächelten mich an“, erzählt Weisz. Als die Komparsen einige Regieanweisungen mitbekommen hatten, wonach ein grimmiger Bettler gesucht wurde, änderte der komplette Saal den Geschichtsausdruck. Doch so ein Auswahlprozess blieb eine einmalige Erfahrung für Weisz, weil ihn die indische Produktion aus Kostengründen untersagte. Wird nämlich ein Komparse ausgewählt, zählt er als Darsteller und erhält das zigfache an Gage.

Ein heikles Thema für die Crew war das Thema „Ehre“, erzählen Lobst und Weisz. Der 1. Regieassistent fühlte sich von der E-Mail eines Koproduzenten so angegriffen, dass er eine Woche mit Kündigung drohte. „Wenn ich sauer war, konnte ich das nie rauslassen“, erzählt Lobst und beschreibt es ironisch: „Eigentlich musst du dort der Crew die ganze Zeit gut zureden, wie bei einem schlecht bezahlten Studentenfilm.“ Dennoch seien die Inder, die allein in Mumbai jährlich deutlich mehr Filme produzieren als Hollywood, sehr interessiert am Westen – „aber sie nehmen Vorschläge schwer an“, so Lobst, für den wichtig war, dass mit Sethi und Weisz noch zwei weitere Deutsche vor Ort waren: „So mussten wir
uns nicht immer in einer Fremdsprache unterhalten, um einfach mal den Tag durchsprechen zu können.

Der Artikel »Erste und dritte Welt parallel« ist von Gisela Wehrl und im AUSLÖSER 3/ 2016 erschienen.

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