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15. März 2017 // Sabine Kues


Portrait Moritz Richard Schmidt

Im Zentrum die Figur

Diesen Sommer drehte Schmidt in der Ukraine / Foto: Niklas J. Hofmann

„Ich dachte, da wo man ist, macht man Filme. Da wo man ist, greift man die Themen auf,“ erinnert sich Regisseur Moritz Richard Schmidt an seine ersten Jahre in Berlin. 2002 hatte er dort begonnen, als Schauspieler und Regieassistent in derfreien Theaterszene Berlins zu arbeiten und wurde dann 2006 an der Filmuniversität Babelsberg für das Regiestudium angenommen. Erst durch seine Diplomarbeit über Wolfgang Kohlhaases Drehbücher realisierte er, dass der „Arbeitsmittelpunkt nicht nur da ist, wo man lebt, sondern auch da, wo man herkommt – und das ist das Erzgebirge.“ Während er also den „Kohlhaaseschen Dialog“ identifizierte, der sich dadurch kennzeichnet, dass er schon eine so genaue Figurenzeichnung liefert, dass sich 90 Prozent seiner geschriebenen Dialoge exakt so im Film wiederfinden, kam ihm im zweistündigen Gespräch mit Kohlhaase diese Erkenntnis in Bezug auf seine eigene Figur: Auch er ist gezeichnet durch seine Herkunft, das Erzgebirge, die Wende in den 90ern und seine Großväter – der eine Bildhauer, der andere Holzschnitzer. Dem Bildhauer Hans Brockhage widmete er sich über mehrere Jahre mit dem filmischen Portrait „Wind zwischen Bäumen“. Von ihm lernte er früh den künstlerischen Blick für den Raum: „Wie sind Gewichtungen im Raum? Wie kann ich Figuren im Raum positionieren, damit sie zur Architektur im Verhältnis stehen?“

 

Nase an Nase standen er und Kameramann Niklas J. Hoffmann dann diesen Sommer mit den Schauspielern des Theaterstücks „Legends of Severo“ in der ukrainischen Stadt Severodonetsk, um den Menschen dort so Nahe wie möglich zu kommen. Schmidt wollte auf diese Weise die „Energie der Schauspieler“ für seinen Dokumentarfilm „Legends of Severo“ (Arbeitstitel) einfangen. Eine Energie, die sich erst einordnen lässt, wenn man den Ursprung jenes Stücks zurückverfolgt und – wie es der Dokumentarfilm auch tut – der Frage nachgeht, wer diese Menschen auf der Bühne eigentlich sind. „Das Dokumentartheaterstück behandelt die Traumata der Ostukrainer und Ostukrainerinnen und Das Theaterstück „Legends of Severo“ steht im Fokus bei Schmidts aktuellem Dokumentarfilmprojekt deren Vertreibung aus der Stadt Lugansk,“ schildert Schmidt die Ausgangssituation des Projekts, das vom Goethe-Institut Ukraine gefördert und vom VladOpera e.V. und Ludwig Kameraverleih Leipzig unterstützt wurde. Projektleiter Peter Schwarz vom VladOpera e.V. hatte den Filmemacher auf das Theaterstück aufmerksam gemacht.

 

Das Stück artikuliert das Aufbegehren der jungen – vom Krieg geprägten – Generation in der Ukraine. Es fußt auf Interviews, die Theaterregisseur Andriy May und seine vier Autoren mit den Schauspielern geführt haben. Die Gespräche dienten als Grundlage für die abstrakte Fabel, die wiederum von den Schauspielern selbst auf die Bühne gebracht wird. Das Theaterstück springt somit zwischen Realem und Fiktion.

 

Ein Sprung, den auch Schmidt derzeit in seinen aktuellen Spielfilmprojekten im Erzgebirge wagt. Nachdem er aus Berlin nicht zurück, sondern in seine Heimat kam, führte ihn seine Recherche nach Filmstoffen zunächst „durch alle Stollen“, um sich dann jedoch von historischen Themen wieder zu lösen. Stattdessen fragte er sich: „Was bin ich eigentlich dort? Wo kann ich wieder ansetzen?“
Die Antwort gibt er nun in gleich zweifacher Ausführung in seinen beiden Spielfilmprojekten. Mit „Kissclub“ (Arbeitstitel) greift er das vorherrschende Drogenproblem der Region, sowohl auf deutscher als auch auf tschechischer Seite, mit Crystal Meth auf. Die Recherche im Umfeld der Drogenszene, die eng mit der Prostitution vor Ort zusammenhängt, liefern ihm die bisherige Grundlage für seinen geplanten Spielfilm.
Mit „Warmer Wind“ nähert sich der Regisseur aus Schwarzenberg dann noch weiter an seine eigene Figur an. Der Spielfilm soll 1989 in einem Pionierferienlager spielen und die Wende aus Sicht eines Nicht-Pioniers wiedergeben – aus seiner Sicht.

 

Schmidt lässt sich hierbei von realen Figuren – auch von seiner Figur – inspirieren und verleiht durch seine Arbeit als Filmemacher eine verlautbare Stimme. Darin sieht er seine Aufgabe, die ihn auch bei seinem Dokumentarfilm in der Ukraine antreibt: „Da wo man vermeintlich nicht mehr sprechen kann, haben wir als Kunstschaffende die Aufgabe, unsere Mittel zu nutzen, um den Menschen, die vermeintlich
keine Stimme haben, eine Stimme zu verleihen.“ Auch vielleicht deshalb stehen Schmidt die sogenannten Verlierer in der Gesellschaft sehr nahe, deren Stimme durch Ausgrenzung entzogen wird und in deren Pflicht er sich als Künstler begreift.


www.moritzrichardschmidt.com


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