Tag Archive | "Flucht"

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»Ich habe nicht die Aufgabe zu missionieren!«

Posted on 17 Februar 2016 by b.s.m.

Mit seinem ersten „Tatort“ bezieht sich der Leipziger Regisseur Thomas Stuber auf den realen Fall von Oury Jalloh. Der Asylbewerber aus Sierra Leone verbrannte 2005 in Dessau im Polizeigewahrsam. Die genauen Umstände wurden nie geklärt. In „Verbrannt“ fiktionalisiert Thomas Stuber, Gewinner des Studenten-Oscars für „Von Hunden und Pferden”, die Vorkommnisse.

Durften Sie sich das Thema für Ihren ersten Tatort aussuchen?
NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath und ich haben gemeinsam überlegt, was der richtige Tatort wäre. Granderath hatte ein Jahr davor mit Autor Stefan Kolditz über ein Projekt zum Fall Jalloh gesprochen. Auf dieses Thema bin ich schnell angesprungen.

Warum?
Ich kannte den Hintergrund zum Fall Oury Jalloh. Das ist ein sehr brisantes und relevantes Thema. Ich wollte nicht irgendeinen „Wo waren Sie gestern Abend?“-Kram machen und das war natürlich eine tolle Chance.

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Eine Szene des Tatorts hinterfragt, wie man respektvoll mit Flüchtlingen umgeht. Kommissarin Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) kauft einer schwarzen Frau eine Flasche Wein, weil sie die auf ihre Lebensmittelbezugsscheine nicht bekommt. Die Frau weist das Almosen entrüstet von sich.
Die Szene war von Anfang an in Stefan Kolditz’ Drehbuch. Wegen Überlänge ging es oft darum, ob man die nicht rausnehmen soll. Ich wollte die immer behalten. Ich weiß nicht, ob man das Respekt nennt. Aber die Szene zeigt in wunderbaren Nuancen, wie schwierig es ist, sich richtig zu verhalten. Und wie sehr Respekt und Gutmenschentum zwei völlig unterschiedliche Sachen sind. Man muss die Leute als normale Menschen behandeln und nicht als besonders und damit andersartig. Da kommt Respekt her. Gutmenschentum ist letzten Endes wieder eine Form von Rassismus.

Kann man mit einem Tatort mehr Menschen erreichen und vielleicht auch welche der sogenannten „besorgten Bürger“?
Das weiß ich nicht. Ich muss es mit einem Tatort, erst recht nicht bei einem gesellschaftlich relevanten Thema, nicht allen recht machen. Weder der Polizei, die sich natürlich aufgeregt hat, noch den besorgten Bürgern. Wir haben häufig gehört: „Ach, muss das jetzt sein.“ Was natürlich lächerlich ist, als ob das Thema zu viel behandelt wird. Es ist das Thema gerade. Natürlich ist der Tatort der Deutschen liebstes Fernsehunterhaltungskind, und allein, wenn die Leute genervt sind, allein das ist mir recht. Ja, dann kann man die erreichen, auch, wenn man denen etwas zeigt, was sie nicht sehen wollen. Ich glaube nicht, dass ich es allen besorgten Bürgern recht gemacht habe, schon gar nicht, dass ich sie umgekrempelt habe. Das ist auch gar nicht Aufgabe des Tatorts. Aber es soll ruhig jeder mitkriegen, das ist natürlich der Vorteil von dem Format.

Kann ein Tatort Meinungen verändern?
Das weiß ich nicht, das ist auch nicht meine Aufgabe. Das war genauso Thema bei Podiumsdiskussionen, die wir in Berlin und Dessau mit dem Film gemacht haben. Ich habe immer gesagt, ich mache nur den ersten Schritt, ich mache ja nur einen Spielfilm. Ich habe nicht die Aufgabe zu missionieren. Das würde ich nicht wollen, und das sollte ich auch nicht. Da kommt nur ein schlechter Film raus. Nur weil ich versuche, nicht zu missionieren, ist, glaube ich, ein ganz guter Tatort entstanden. Wenn sich daraus wie hier eine Diskussion entwickelt, dann ist das gut. Aber dann löst sich Diskussion natürlicherweise von meinem Spielfilm und hat damit nichts mehr zu tun. Aber ein Spielfilm ist dazu da, Fragen zu stellen, aufzurütteln, vielleicht ans Herz zu gehen. Er kann die Initialzündung für die Aufmerksamkeit auf ein Thema geben.

Muss man als Regisseur politisch sein?
Nein.

Wollen Sie als Regisseur politisch sein?
Das ist der große Widerspruch von: Kunst ist nicht politisch. Oder: Jede Kunst ist politisch. Ich sage es mal so, ich habe eine klare Haltung zu vielen Dingen. Und auch hier habe ich eine ganz klare Haltung, da muss ich wiederum aufpassen, dass ich mit dieser Haltung nicht missioniere, sondern lieber irritiere oder verstöre. Dann ist das gut, dann ist das genug der Aufgabe der Kunst. Grundsätzlich glaube ich aber, ja, jede Kunst ist politisch.

Der Dienststellenleiter der Polizei wird im Film mehrfach programmatisch: „Hohe Arbeitslosigkeit.
Na, jetzt kommt noch das Asylbewerberheim dazu. Fremde Kulturen, Drogen und so weiter.“ Gibt man damit Ressentiments eine Plattform?
Ich denke da erstmal nur an die Figur und natürlich an die Spannung, dass man über so einen Satz drüber rutscht und erst danach nachdenkt: Moment, was hat er gesagt? Und das ist doch dasselbe wie zu kapieren, was eigentlich um uns herum passiert. Wie kann ich eine Nuance erzählen, um zu zeigen, wie sehr diese Rassismen in die bürgerliche Mitte reinrutschen und für normal gehalten werden. Ich glaube, die Gefahr ist nicht, dass Neonazis in Springerstiefeln Angst und Schrecken verbreiten, wie vielleicht Anfang der 90er. Das hat sich gewandelt, das ist in die bürgerliche Mitte gerutscht. Und der große Kampf ist jetzt, diese Mitte muss entscheiden, kippt sie auf die eine Seite oder auf die andere Seite. Bei der Zahl der Gegendemonstranten habe ich immer noch Hoffnung. Als Regisseur war der Tatort die Chance, die ich dafür ergriffen habe. Und wenn das im Fernsehen geht, dann ist das ein Geschenk und ein großes Wunder.

Thomas Stuber kehrte nach seinem Studiuman der Filmakademie Baden-Württemberg in seine Heimatstadt Leipzig zurück. Für „Von Hunden und Pferden“ gewann er den Deutschen Kurzfilmpreis und den Studenten-Oscar in Silber. Sein erster langer Kinofilm „Herbert“ kommt im März 2016 ins Kino.

 

Das Interview »Ich habe nicht die Aufgabe zu missionieren!“« hat Gisela Wehrl geführt und im Auslöser 4/ 2015 erschienen.

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Wegträumen geht nur temporär

Posted on 10 Februar 2016 by b.s.m.

Erst vier Jahre ist es her, da spürte ein Sonderprogramm bei DOK Leipzig dem aufkommenden Arabischen Frühling nach. Seitdem haben sich die Zeiten bekanntermaßen gewandelt und so beleuchteten durch alle Sektionen der aktuellen Festivalausgabe hindurch zahlreiche Filme das Flüchtlingsthema. Continue Reading

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