Wegträumen geht nur temporär

Posted on 10 Februar 2016 by b.s.m.

Erst vier Jahre ist es her, da spürte ein Sonderprogramm bei DOK Leipzig dem aufkommenden Arabischen Frühling nach. Seitdem haben sich die Zeiten bekanntermaßen gewandelt und so beleuchteten durch alle Sektionen der aktuellen Festivalausgabe hindurch zahlreiche Filme das Flüchtlingsthema.

Ein Rückblick auf DOK Leipzig zum Thema Flucht und zu Filmen aus Sachsen

Vielleicht die einprägsamste Chiffre lieferte „The Longest Run“ (Regie: Marianna Economou), der im internationalen Wettbewerb zu sehen
war. Zwar drohen einem der beiden Protagonisten hinter griechischen Gittern bis zu 25 Jahre Haft, weil er – das glaubt man ihnen – gezwungen wurde, das Schleuserboot zu steuern. Dennoch haftet dem Aufenthalt mit Großraumzelle ohne Privatsphäre etwas von Jugendcamp an. Denn über das Telefon, das sie bei ihrer Sozialarbeiterin häufig frequentieren dürfen, sickert die Realität des Krieges hinter die Gefängnismauern:

Schulkameraden sterben, das Fernsehen sendet die zugehörigen Bilder aus den zerstörten Heimatländern. Für „Lampedusa im Winter“ wählt der Österreicher Jakob Brossmann eher den Blickwinkel der Bewohner jener italienischen Insel, die zum Sinnbild für Europas Wegsehen wurde. Sie werden von der großen Politik streckenweise nicht minder im Stich gelassen als die Flüchtlinge. Die Bürgermeisterin bemüht sich redlich, neben der gefährdeten Fährverbindung auch noch den Weitertransport der Flüchtlinge zu managen.

Zuschauer des Eröffnungsfilms „Alles andere zeigt die Zeit“ von Andreas Voigt in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs, Foto: DOK Leipzig / Jonathan Skorupa

Zuschauer des Eröffnungsfilms „Alles andere zeigt die Zeit“ von Andreas Voigt in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs, Foto: DOK Leipzig / Jonathan Skorupa

Von der Realität, und wenn es nur das Flüchtlingsheim in Deutschland ist, kann man sich leider nur temporär wegträumen, wie auch einer
der Protagonisten im Off von „Eisen“ erkennt: „Wenn ich die Augen öffne, bin ich immer noch in Eisenhüttenstadt.“ Der Film von Benjamin Kahlmeyer ist übrigens als einziger der Filme zum Thema mit einer „Taube“ ausgezeichnet worden, im deutschen Wettbewerb für Kurzfilme. „Wir müssen ein Zeichen setzten, dass das positiv ausgeht“, sagte Regisseur Matthias Koßmehl beim Filmgespräch zu „Café Waldluft“. Amüsant schildert er den Mikrokosmos eines kleinen, oberbayerischen Gasthauses, das Flüchtlinge beherbergt. Integration gelingt dort doppelt, die Flüchtlinge nennen die Wirtin liebevoll „Mama Flora“, die gleichsam einen völlig neuen Blick auf die Welt gewonnen hat. Ihre Köchin beweist zudem, dass man sich Heimat aussuchen kann, denn über Ostdeutschland, in dem sie geboren ist, sagt sie: „Da halt ich’s nicht aus, wenn ich meine Berge nicht sehe.“

Selbst in Filmen, in denen es nicht vordergründig um das Thema Flucht geht, blitzt es gelegentlich auf. Als „White Trash“ könnte man Roberto Minervinis Südstaaten-Protagonisten in „The Other Side“ abstempeln: Mark beschimpft Obama als Nigger, kocht Crystal und spritzt es seiner schwangeren Freundin. Nach einem dramaturgischen Bruch werden die Typen noch abgedrehter. Sie trainieren in einer Bürgerwehr für den Ernstfall, der einer TV-Endzeitserie entnommen scheint. Sie sind überzeugt, die UN wird wegen der ganzen „Refugee“-Sache einmarschieren, das Kriegsrecht wird ausgerufen und von Haus und Hof bleibt nichts übrig. Ein Bürgerkrieg scheint da wirklich nicht weit entfernt und im Filmgespräch verwies Regisseur Minervini auf Kommentatoren, die diesen in den USA als möglich erachten.

Auch in eine eher ästhetisch-kontemplative Betrachtung schleicht sich das Thema ein. „Fastentuch 1472“ von Bernhard Sallmann betrachtet
90 Bibelbilder, die sich auf dem mittelalterlichen, über 8 Meter hohen Zittauer Fastentuch befinden. Eine Protagonistin schildert eindrücklich ihre Flucht zum Ende des zweiten Weltkriegs. Und natürlich bebildert das Tuch die Flüchtlinge des christlichen Abendlandes par excellence: Josef, Maria und Jesus auf der Flucht vor Herodes. Filmkombinat Nord-Ost aus Dresden produzierte den 90-minüter.

Erstmals gewann übrigens ein Leipziger den deutschen Wettbewerb: Tom Lemke, der längere Zeit in Chile lebte, begleitete für „Land im Wasser“ mehr als zehn Jahre lang drei Männer, die einsam in einem geplanten Braunkohlegebiet ausharren. Wahre Kraft entfaltet der Film, wenn er den Bauern beobachtet:Welche Mühsal die Landwirtschaft bereitet und wie jener sich ein selbstbestimmtes Leben schafft. Erstmals war außerdem mit „Der lustige König“ ein Leipziger Animationsfilm im internationalen Wettbewerb vertreten. Anke Späth (Mitgliederporträt auf S. 3) und Jörg Weidner erschaffen mit Hilfe von Puppenanimation ein bizarres Märchen für Erwachsene. Im deutschen Wettbewerb lief die Balance Film-Produktion „Das Weite suchen“ (Produktionsbericht Ausgabe 05/2014), Falk Schuster lässt dabei häufig die Konturen weg und bietet so ganz neue Einsichten.

Neue Einsichten lieferten auch mehrere Filme über die Stadt Leipzig. „Akt“ von Mario Schneider, ebenfalls im deutschen Wettbewerb vertreten, modelliert zusätzlich zu den vier porträtierten Aktmodellen ein Bild der Stadt. Bis 1986 reicht der Leipzig-Zyklus von Andreas Voigt zurück. Der sechste Film „Alles andere zeigt die Zeit“ lief nun zur Eröffnung des Festivals, parallel zum Cinestar auch erstmals in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs. Dieses Event allein zog fast 700 Besucher an. Auch „Bowlingtreff“ von Thomas Beyer und Adrian Dorschner spannt den Bogen von den letzten Jahren der DDR bis ins Heute.

Der Leipziger Bowlingtreff wurde unter dem Radar des ZK „schwarz“ gebaut. Die Regisseure projizieren im Film Bilder der Leipziger Montagsdemos 1989 auf das Gebäude. So lassen sie den zivilen Ungehorsam beim Bau dieses Freizeittreffs zum Vorboten der friedlichen Revolution werden. Die damals beschworenen Werte suchen heute die Flüchtlinge in Lampedusa oder der bayerischen Provinz, so lässt sich im Lokalen das Globale finden.

Gisela Wehrl
lebt in Leipzig und arbeitet als Filmjournalistin, Autorin und Dramaturgin.

 

Der Artikel »Wegträumen geht nur temporär« ist von Gisela Wehrl und im Auslöser 4/ 2015 erschienen.

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