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18. September 2017 // Sabine Kues


Portrait Alice von Gwinner

Oben ist unten und unten ist oben

Die Regisseurin bei der Arbeit am Set von „Zwischen uns steht ein Salat“. / © Alina Cyranek

Es herrscht Aufregung. Als ich Alice von Gwinner in Leipzig treffe, steckt die junge Regisseurin gerade tief in Gedanken zu ihrem aktuellen Kurzspielfilmprojekt „Der Hauptgewinn“. Die Vorproduktion ist in vollem Gange. Akut geht es um das Huhn am Set.

 

Alice von Gwinner hat schon Karpfen an ihrem Filmset gehabt, aber ein trainiertes Huhn, das ist neu. Und essenziell: „Ich sage immer, das Huhn hat die geheime Hauptrolle. Weil es nämlich von Anfang bis Ende durch die Geschichte führt. Offiziell ist natürlich Albert die Hauptfigur des Films und seine beste Freundin ist das Huhn, Eugenie.“
„Der Hauptgewinn“ ist eine Liebesgeschichte zwischen Albert, einem Einsiedler und Emiliana, der Städterin, die scheinbar unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Albert sich alleine auf einer Insel damit abfindet, was ihm das Leben als Treibgut anspült, überlässt Emiliana nichts dem Zufall.
Mit viel Augenmerk auf Details hat die gebürtige Hamburgerin die fantastischen Welten der idyllischen Insel mit fußballgroßen Zitronen und der grauen Stadt konzipiert. „Für mich liegt der Reiz darin, Geschichten zu erzählen, die nicht in unserer Realität stattfinden. Das bietet mir die Möglichkeit, Themen aus der Realität zu überhöhen, und ihnen mit einer veränderten Perspektive eine neue Relevanz zu geben.“

 

Die reale Welt einfach abzufilmen, das sieht von Gwinner nicht wirklich ähnlich, wie auch ihre bisherigen Kurzfilme beweisen. Für „Letzter Wille: Idylle“ kreierte sie beispielsweise die eintönige Bürowelt der Idyll AG, in der in routinierten Arbeitsabläufen für den harmonischen Lebensabend ihrer Kunden gearbeitet wird. Ein Horrorszenario beschwor sie wiederum in Co- Regie mit Anne-Katrin Kiewitt in „Halbwertszeit“ herauf, ihrem Abschlussfilm an der Bauhaus-Universität Weimar. Eine dystopische Welt zeigt den angepassten Alltag einer Gesellschaft fünf Jahre nach einem verheerenden Atomunfall. „Mich interessieren Themen, für die ich selber auch keine einfache Lösung habe. Der Entstehungsprozess meiner Filme ist für mich auch Teil meiner Meinungsbildung zu dem jeweiligen Problem“, kommentiert die Regisseurin diese Auffälligkeit.
Manchmal kann ein einfacher Perspektivwechsel aber auch schon Wunder bewirken, wie von Gwinner in ihrem aktuellen Kurzfilm als Konfliktlösung vorschlägt. Das Kammerspiel „Zwischen uns steht ein Salat“ widmet sich mit einem Augenzwinkern den Beziehungsproblemen eines Ehepaares mit spitzen Dialogen und einer Filmkulisse, die sich auch zu Wort meldet. Die Weltpremiere feierte die Beziehungskomödie beim diesjährigen FILMFEST DRESDEN und hatte vor Kurzem seine internationale Premiere in den Vereinigten Staaten.

 

Neben den Realfilmen tauchte Alice von Gwinner seit ihrem Studium der Mediengestaltung zudem auch in animierte Welten ein – und seitdem auch immer wieder auf. Mit der Leipziger Regisseurin Alina Cyranek arbeitet sie zurzeit an dem Animationsfilmprojekt „I Love My CarL“. Dafür baut sie als Background-Artist analog mit Aquarellfarben und digital mit Fotocollagen die Welt um die innige Freundschaft von Jack und seinem Auto. Für den derzeit deutschlandweit in den Kinos laufenden Dokumentarfilm „Ein Haufen Liebe“, ebenfalls von Cyranek, steuerte Alice von Gwinner die animierten Szenen bei. Für diesen Film arbeitete sie mit dem Rotoskopie-Verfahren: „Dafür filme ich vorher die Szene real ab und übermale diese dann Bild für Bild. Der Zeichenstil variiert dabei, wie es zu dem Rest des Films eben gut passt.“
Diese Animationsfilme zeigen auch, mit wie viel Liebe zum Detail die junge Regisseurin an all ihre Filme geht, gerade, was das Setting anbelangt: „Hintergründe zeichnen und damit praktisch der Szenenbildner beim Trickfilm zu sein, reizt mich sehr“, erläutert von Gwinner. „Mir liegt das Szenenbild an sich sehr am Herzen. Das sieht man ja auch in meinen Realfilmen.“
In dieser Hinsicht hat die Regisseurin in ihrer Wahlheimat Leipzig auch für sich die richtige Kulisse gefunden: „Ich habe das Gefühl, hier gibt es noch Freiheit. In anderen Großstädten kann man sich ja schon wegen der überhöhten Mietpreise gar nicht mehr kreativ fallenlassen.“

 

Für die Produktion von „Der Hauptgewinn“ konnte sie gerade ein großes überregionales Team begeistern und erhielt Fördergelder der Mitteldeutschen Medienförderung, der SLM und der Staatskanzlei des Freistaats Thüringen. Mit der Kölner Produktionsfirma Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion KG (GFF), mit Produzentin Hana Geißendörfer sowie Produktionsleiterin Katharina Weser der Leipziger Reynard Films bereitet Alice von Gwinner den Dreh im Spätsommer und Herbst vor. Hierbei kehrt sie zurück zum Ursprung ihrer Filmidee und zu ihrenvschönen Kindheitserinnerungen an eine kleine Insel an der Grenze zu Thüringen: „Darauf befindet sich ein Häuschen, das meine Großmutter von ihrem Vater geschenkt bekommen hat“, erzählt von Gwinner. Sie beschreibt die Erinnerungen, die sie mit diesem magischen Ort verbindet, als „dieses Gefühl, sich als Kind so frei zu fühlen und dort sein eigenes Reich zu haben. Das Gefühl möchte ich mit diesem Projekt konservieren“ und lachend ergänzt sie: „ich habe sowieso etwas gegen das Erwachsenwerden.“
Das Setting ist oft der Ausgangspunkt für die Filmideen der Regisseurin. Ab dann übernimmt die Fantasie. „Wenn auf dieser Insel ein Einsiedler mit seinem Huhn wohnen würde, wer wäre das und was sind seine Herausforderungen?“ oder „Wen bräuchte er, um glücklich zu sein?“ fragt sich Alice von Gwinner – die Antworten finden sich in ihren Kurzfilmen. Demnächst könnte das aber auch mal ein Langfilm werden, denn „dafür liegt auch schon etwas in der Schublade …“

 

www.alicevongwinner.de


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