Zukunftsprogramm für die Vergangenheit

Text: André Eckardt

Pilotphase

Von 2016 bis 2018 führte der Filmverband Sachsen in Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst eine Pilotphase zu Fragen der zukünftigen Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen durch, die ab 2019 in ein festes Programm mündet.
Die Pilotphase bot einen unschätzbaren Freiraum, um Erfahrungen aus anderen Bundesländern zum Umgang mit diesem Kulturerbe zu sammeln, den Bestand an audiovisuellen Medien in Sachsen überblicksartig zu ermitteln (s. AUSLÖSER 1/2017) und international verbreitete Standards auf ihre Anwendbarkeit zu prüfen. In Zusammenarbeit mit der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und weiteren Partnern wurden historische Filme und Videos im Rahmen von Modellprojekten digitalisiert und zugänglich gemacht. Diese Praxistests zeigten auf, wo in Sachsen strukturell Entwicklungsbedarf herrscht, und machten ausgewählte analoge Medien digital nutzbar. Zentrales Ziel der dreijährigen Arbeit war die Konzeption eines möglichen Sicherungsprogramms, auf dessen Basis sich der Sächsische Landtag für das weitere und verstärkte Engagement des Freistaates in dieser Sache entschieden hat. Die Pilotphase endet 2018 insofern erfolgreich, als dass ihr in der Zeit des Doppelhaushalts 2019/2020 eine erste fest strukturierte Programmphase folgt. Die kommenden zwei Jahre werden jedoch auch dazu dienen müssen, letzte Fragen zur Infrastruktur und zur Perspektive zu klären. Vor diesem Hintergrund hier zum Abschluss ein Rückblick und zum Start ein Ausblick.

Modellprojekte

Der Filmverband Sachsen führte in der Pilotphase insgesamt vier Modellprojekte durch, in denen Filme und Videos digitalisiert, katalogisiert und zugänglich gemacht wurden. Hauptpartner für die teilweise noch im Abschluss befindlichen Projekte waren das Sorbische Institut, die Stiftung für das sorbische Volk, die Chemnitzer Filmwerkstatt, das Historische Archiv des Vogtlandkreises, Hirsch Film Dresden sowie die SLUB. Die Projekte verfolgten unterschiedliche Schwerpunktziele. So wurden u. a. viele gängige Filmformate und Videobandsorten, Produktionen aus dem Amateur- bis Profibereich sowie Medien mit unterschiedlichen Rechtesituationen berücksichtigt. Der unterschiedliche Status der Materialinhaber – Bibliothek, Filmkooperative auf Vereinsbasis, Kreisarchiv, Privatsammler – erforderte häufig individuelle Lösungen bei der Projektumsetzung, wie beispielsweise bei der Klärung von Nutzungsrechten, bei der Erschließung der Medien sowie bei der Schaffung des öffentlichen Zugangs. Dieser vielfältige Erfahrungsschatz bildet für das Sicherungsprogramm ab 2019 ein hervorragendes Startkapital. Von unschätzbarem Wert ist bereits jetzt, dass ca. 370 Stunden an Film und Video durch die Modellprojekte öffentlich zugänglich gemacht und teilweise vor weiterem Informationsverlust gerettet werden konnten. Dazu zählen beispielsweise wenig bekannte Filme aus dem DDR-Underground, lebensnahe Lokal-TV-Sendungen aus der Nachwendezeit, Dokumentationen zur jüngsten sorbischen Geschichte, sächsische Förderfilme ebenso wie Amateurfilme über Dresden in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Filmverband Sachsen gewährt mit einem Showreel (s. unten) einen ersten Einblick in die Ergebnisse der Modellprojekte.

Programmkonzeption

Dem SMWK und Vertretern des Sächsischen Landtags legte der Filmverband Sachsen 2018 ein Arbeitspapier vor, das Vorschläge für die Gestaltung eines Programms zur Sicherung des audio-visuellen Erbes vorstellt. Zentraler Gedanke dieser Programmkonzeption ist eine Verbundlösung, die vorhandene und ausbaufähige Strukturen in Sachsen berücksichtigt. Das Programm ist zunächst auf eine Laufzeit von sechs Jahren angelegt und zielt darauf ab, im Verbund von Materialinhabern, SLUB und Sächsischem Staatsarchiv eine archivgerecht gesicherte sowie kuratierte Exzellenzsammlung von analogen Film-, Video- und Tonmedien mit digitalem öffentlichem Zugang aufzubauen. Eine wichtige Rolle übernimmt hierbei eine Koordinierungsstelle, die ab 2019 an der SLUB für die Programmdurchführung als auch beratend tätig ist. Über ein formloses Antragsverfahren können Materialinhaber noch nicht digitalisierte Bestände vorschlagen, die von herausragender Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis Sachsen sind. Die Förderungsbewertung liegt bei der Koordinierungsstelle in Zusammenarbeit mit einem zu berufenden Kuratorium und basiert auf inhaltlichen, herkunftsbezogenen, ästhetischen, konservatorischen und rechtlichen Kriterien. Die Programmphase 2019/2020 wird gemeinsam von der SLUB und dem Filmverband Sachsen gestaltet. Das Hauptaugenmerk liegt auf der kontinuierlichen Erschließung, Digitalisierung und Zugänglichmachung von audiovisuellen Beständen genauso wie auf dem notwendigen Strukturausbau. Dieser schließt u. a. die Weiterentwicklung des Systems zur digitalen Langzeitarchivierung, die Einrichtung der Koordinierungsstelle und die Bildung des begleitenden Kuratoriums ein.

Eine vordringliche Aufgabe wird jedoch sein, gemeinsam mit den Verantwortlichen aus Politik,Verwaltung und Facheinrichtungen Lösungen zu finden, die in vollem Umfang ein nachhaltiges und fachlich vertretbares Sicherungsprogramm zum Ergebnis haben. So besteht derzeit noch dringender Klärungsbedarf hinsichtlich der archivgerechten Lagerung von Filmmaterial und der Befundung solchen Materials. Das Sächsische Staatsarchiv verfügt dank des vom Freistaat Sachsen getragenen Ausbaus am Archivstandort Wermsdorf über entsprechende Kompetenzen, Befundungstechnik und klimatisierte Archivräume. Da der Aufbau von Parallelstrukturen mit öffentlichen Mitteln politisch nicht vertretbar ist, werden Bemühungen darauf abzielen, bis Ende 2020 eine tragfähige Lösung gemeinsam mit dem Sächsischen Staatsarchiv zu finden. Eine solche Lösung ist unabdingbar, um den Erhalt der analogen Originalkopien in Sachsen ebenso abzusichern wie den digitalen Zugang zu diesem Kulturerbe. Darüber hinaus ist mit Blick auf das Sicherungsprogramm eine verbindliche Aussage des Freistaat Sachsens zur dauerhaften analogen und digitalen Archivierung von audiovisuellen Medien nötig, da ernst gemeinte Archivierungsaufgaben nicht an Doppelhaushalte und Programmfristen gebunden sein können.

Mit dem Programmstart geht Sachsen ab 2019 einen bedeutsamen ersten Schritt, um Film-, Video- und Tondokumente für die Zukunft zu sichern. Wie die Ergebnisse der bereits durchgeführten Modellprojekte eindringlich vermitteln, hat die filmisch festgehaltene Vergangenheit der Gegenwart enorm viel zu sagen. Historische audiovisuelle Zeugnisse über Heimatverlust durch Kohlebergbau, Identitätssuche in Zeiten gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche oder die politische Radikalisierung der Jugend laden zu einer äußerst unmittelbaren Spurensuche nach den Wurzeln des heutigen Selbstverständnisses und -missverständnisses von Sachsen ein.


Showreel



Produktion: Filmverband Sachsen e.V. 2018
Schnitt und Tonbearbeitung: Hechtfilm (http://www.hechtfilm.de/)
Zusätzliche Musik: Jacob Korn (http://jacobkorn.de/)
Förderer: Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
Mit freundlicher Genehmigung von Hirsch-Film Dresden, Claus Löser, Chemnitzer Filmwerkstatt, Sorbisches Institut, Stiftung für das sorbische Volk, DEFA-Stiftung und Historisches Archiv des Vogtlandkreises


Um im Rahmen der Pilotphase praktische Erfahrungen zu gewinnen, wurden ca. 370 Stunden Film- und Videomaterial aus der Zeit von 1928 bis 2005 digitalisiert, katalogisiert und zugänglich gemacht. Die insgesamt vier Modellprojekte schlossen alle gängigen Filmformate und verschiedene Videobandsorten ein. Produziert wurden die audiovisuellen Arbeiten einst von Amateuren, im Rahmen von Feldforschungsprojekten, für die professionelle Kinoauswertung sowie für die Berichterstattung von Lokalfernsehsendern. Auf Grund der Rechtslage kann nur ein Teil der digitalisierten Medien online eingesehen werden. Der öffentliche Zugang wird jedoch zumindest an elektronischen Leseplätzen in den Einrichtungen gewährt, die an den Modellprojekten mitgewirkt haben. Als ein zentraler Projektpartner macht die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in ihrer digitalen Mediathek einen Teil der digitalisierten Bestände online und/oder in ihrem Haus zugänglich. Der Trailer „Audiovisuelles Erbe in Sachsen“ zeigt einen Querschnitt der Ergebnisse der Digitalisierungsprojekte, die hier kurz vorgestellt werden sollen:
Aus dem Archiv von Hirsch-Film Dresden wurden rund fünfzig Rollen 16mm-Film digitalisiert. Diese größtenteils privaten Aufnahmen wurden zwischen 1928 und 1993 von Filmmachern gemacht, die teilweise professionell tätig waren. Sie dokumentieren vor allem die jüngere Stadtgeschichte von Dresden u.a. mit Farbaufnahmen vom Zwinger vor seiner Zerstörung 1945 und Szenen des Wiederaufbaus der Stadt in den 1950 und 1960er Jahren. Ebenso zeigt das Material das Privatleben unterschiedlicher sozialer Schichten sowie Großereignisse der Elbmetropole.
Die Ursprünge der Chemnitzer Filmwerkstatt reichen bis in die 1980er Jahre. Vorbei am staatlichen Medienmonopol in der DDR wurden zu jener Zeit von Künstlern und Filmenthusiasten experimentelle Filme gedreht, die in ihrer Sprache sowie mit den gezeigten Orten und Lebensentwürfen dem offiziellen Selbstbild des Staates widersprachen. Neben ihren medienpädagogischen Aufgaben produzierte die Chemnitzer Filmwerkstatt seit ihrer Gründung im Jahre 1993 zahlreiche Filme, die auf Festivals prämiert wurden. Die neun digitalisierten Filme aus der Zeit von 1983 bis 2005 zeigen einen Querschnitt dieses Schaffens.
Aus der bedeutsamen kulturwissenschaftlichen Sammlung des Sorbischen Instituts und dem Nachlass des Sorabia-Film-Studio bei der Stiftung für das sorbische Volk wurden zehn Film und Videotitel digital zugänglich gemacht. Dazu gehören u.a. ethnologische 8mm-Aufnahmen von Bräuchen des westslawischen Volkes aus dem Jahr 1961, eine Langzeitstudie von 1947 bis 1959 zum Bau des Hauses der Sorben in Bautzen sowie die kulturpolitischen Debatten dieser nationalen Minderheit in den Jahren des gesellschaftlichen Wandels nach 1990.
Das Historische Archiv des Vogtlandkreises übernahm 2016 den Nachlass des insolventen Vogtland-Regional-Fernsehens. Von den insgesamt 3.800 Medien dieses Bestands wurden 233 Sendebänder aus den Jahren 1994 bis 1997 digitalisiert. Da diese S-VHS-Kassetten als Informationsträger schnell altern, war es wichtig, deren audiovisuelle Inhalte zu sichern. Die redaktionellen Beiträge dokumentieren sehr unmittelbar den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruch in der westsächsischen Provinz in jener Zeit.

Links:

Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek

Hirsch-Film Dresden

Chemnitzer Filmwerkstatt

Sorbisches Institut

Historische Archiv des Vogtlandkreises

Stiftung für das sorbische Volk



TV Westsachsen – Nah dran an den Menschen, 20. Oktober 2018



Im Rahmen des Erfahrungsaustausches der Heimatgeschichtsforscher und Ortschronisten am 20.Oktober 2018 im Historischen Archiv des Vogtlandkreises auf Schloss Voigtsberg in Oelsnitz/Vogtland, wurden die Ergebnisse des Modellprojekts „Sicherung des audiovisuellen Erbes – Vogtland-Regional-Fernsehen“ am neuen Benutzerplatz für audiovisuelle Unterlagen vorgestellt.

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