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17. März 2017 // Interview: André Eckardt, Christian Zimmermann


Was bleibt

Grit Richter-Laugwitz im Interview

Grit Richter Laugwitz an ihrem Arbeitsplatz im Stadtarchiv Bautzen // © Holger Hinz / hinz & kunst

Das audiovisuelle Erbe Sachsens verteilt sich auf sehr viele kleine und wenige große Archive. Doch egal wie unterschiedlich die Archive auch sind, häufig fehlen bereits die Grundvoraussetzungen für die Medienarchivierung. Wie gehen die Archive in dieser Situation mit audiovisuellen Medien (nachfolgend AV-Medien) um? Der AUSLÖSER sprach hierzu mit Grit Richter-Laugwitz, Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.

 

Welche Rolle spielen nach Ihrer Einschätzung audiovisuelle Medien in sächsischen Archiven?

 
Nach dem Archivgesetz für den Freistaat Sachsen sind die Archive unabhängig von der Speicherungsform für alle Unterlagen zuständig. Die Spannbreite reicht dabei von Urkunden über Amtsbücher, Akten, Karten und Pläne, Fotos bis hin zu AV-Medien. Deswegen können AV-Medien im Einzelnen meistens nur eine geringe Rolle spielen.

 

Als wie hoch ist denn der Anteil von audiovisuellen Dokumenten am Gesamtbestand in den sächsischen Archiven überhaupt einzuschätzen?

 
Ihre jüngste Umfrage zum AV-Erbe hat sehr geholfen, ein erstes Bild zu zeichnen. Ich vermute, dass der Anteil prozentual im unteren einstelligen Bereich liegt. Das ist ein Fakt, den wir ohne Geringschätzung dieses Unterlagentyps erst einmal auf dem Tisch haben. Das hängt auch mit der Struktur von Archiven zusammen. Archive sind in der Regel für die Überlieferung einer Verwaltung zuständig. Diese staatlichen, kommunalen, kirchlichen und andere Verwaltungen haben ihrem Archiv über viele Jahrhunderte Unterlagen abgegeben. In Bautzen sind das zum Beispiel 5.000 Urkunden und 1,5 km Amtsbuch- und Aktenüberlieferung, dazu tausende Fotos, Karten und Pläne. Die AV-Medien sind ein viel jüngeres Medium, zudem bieten die Verwaltungen nur wenig audiovisuelles Material an.

 

Aber neben Verwaltungsdokumenten sind auch AV-Medien aus anderen Bereichen für Sie von Bedeutung.

 
Ja, natürlich. Archive sind nicht nur für die amtliche Überlieferung ihrer Verwaltung, sondern auch für die nichtamtliche Überlieferung zuständig, die sich z.B. in Unterlagen von Vereinen, Bürgerinitiativen, in Nachlässen und Sammlungen befindet. In diesem Zusammenhang sind AV-Medien natürlich Thema. In vielen Städten schlummert in privater Hand einiges, das z.B. die Stadtgeschichte in bewegten Bildern bestens dokumentiert. In vielen Städten, z.B. auch bei uns in Bautzen, sind Hobbyfilmemacher Ende der 1980er-Jahre durch die Altstadt gezogen und haben die damalige Situation gefilmt. Die Übernahme und Archivierung dieser Unterlagen wäre sehr wichtig für unser Stadtarchiv. Interessant für uns wären auch die Wochenbeiträge unseres Lokalfernsehsenders. Aber am Ende muss ich die Finger davon lassen, weil wir es personell und technisch momentan gar nicht schaffen, die inzwischen meist elektronisch vorhandenen Unterlagen zu sichten, zu bewerten und zu archivieren. Die Sachen sind da, aber aktuell nicht zu beherrschen. Dass die Archive AV-Medien vielleicht auch nicht aktiv genug einwerben, liegt sicher auch an dem Bewusstsein um die Schwierigkeit der Archivierung dieser Unterlagen.

 

Was macht denn die Erschließung von AV-Medien so schwierig?

 
Der Erschließungsaufwand ist höher. Eine Akte kann ich durch Inaugenscheinnahme verzeichnen. Für ein AV-Medium muss eine bestimmte Abspieltechnik vorhanden sein und man muss das Medium relativ in Echtzeit ansehen oder anhören. Die Situation, dass Archivarinnen und Archivare zumindest in den kleineren Archiven – und das sind die meisten in Sachsen – in der beschriebenen Breite zumeist alles alleine betreuen müssen, macht sie zwar zu Allroundern, aber gleichzeitig bleibt damit keine Zeit, sich speziell mit den AV-Medien zu beschäftigen. Hinzukommt, dass beispielsweise die kommunalen Archive laut einer Erhebung des Deutschen Städtetages in Sachsen nur zu 45% archivfachlich besetzt sind. Das ist ein massives Problem! Und dabei ist die Archivierung nach dem Archivgesetz für den Freistaat Sachsen eine Pflichtaufgabe der Kommunen. In den Kommunen, in denen kein Fachpersonal eingesetzt wird, ist eine rechtskonforme Archivierung und Nutzbarmachung von Archivgut nicht gewährleistet. Das kann drastische Auswirkungen auf die Rechtssicherheit der Kommunen, auf den Datenschutz und nicht zuletzt auf die Überlieferung haben. Insbesondere bei der Überlieferung von elektronischen Unterlagen entstehen in diesen Kommunen große Überlieferungslücken, die uns nachfolgende Generationen nicht verzeihen werden.

 

Und wie erfolgt in einer solchen Situation der Umgang mit z.B. alten Filmrollen?


Es besteht bei den Kolleginnen und Kollegen – vor allem bei denen ohne Fachausbildung – natürlich eine hohe Unsicherheit, die Medien eventuell falsch anzufassen oder zu beschädigen. Problematisch sind vor allem die Formate, die aus den fünfziger bis achtziger Jahren als Filmrollen vorliegen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn eine beratende Stelle die Archive fachlich und technisch unterstützt, um überhaupt zu bestimmen, was für Material vorliegt und welche Strategien es zur Erhaltung dafür gibt. Leider haben wir in Sachsen keine Archivberatungsstelle. Das Sächsische Staatsarchiv müsste vom Gesetz her die Beratung der nichtstaatlichen Archive übernehmen, kann das aber personell nicht leisten.

 

Neben der problematischen Personallage haben in unserer Umfrage viele Archive gemeldet, dass sie so sensible Medien wie Filmrollen und Videobänder nicht angemessen lagern können…

 
Das stimmt. Das wichtigste Kriterium für die Bestandserhaltung ist die Lagerung. Leider fällt mir neben dem Sächsischen Staatsarchiv kein anderes Archiv ein, das die sehr speziellen klimatischen Anforderungen für die Lagerung von AV-Medien erfüllen kann. Wir sind froh, dass es zumindest beim Sächsischen Staatsarchiv mit dem Archivzentrum Hubertusburg in Wermsdorf sehr gute räumliche Bedingungen vorhanden sind, die gewährleisten, dass die archivwürdigen AV-Medien staatlicher Herkunft gut und damit dauerhaft aufbewahrt werden können. Allerdings besteht hier nun wieder ein akutes Personalproblem. Es gibt nur eine einzelne Person, die für die gesamte staatliche Überlieferung der AV-Medien verantwortlich ist. Damit ist z.B. eine so wichtige Beratung für nichtstaatliche Archive für AV-Medien im Sinne des Archivgesetzes auch hier unmöglich. Hinzu kommt, dass es für die Archive immer schwieriger wird, Fachpersonal im gehobenen und im höheren Archivdienst zu finden. Hier stehen Angebot und Nachfrage in zunehmendem Maße in einem Ungleichgewicht. Zwar werden Anwärter und Referendare beim Sächsischen Staatsarchiv ausgebildet, bleiben jedoch dann auf Grund fehlender Stellen und Entwicklungsmöglichkeiten selten in Sachsen. Archivträger in anderen Bundesländern sind an diesem gut ausgebildeten Personal sehr interessiert und bieten gute Rahmenbedingungen für Berufseinsteiger, die bspw. das Sächsische Staatsarchiv angesichts des Personalabbaukonzeptes des Freistaates und der dadurch geringen Perspektiven für Berufseinsteiger im staatlichen Bereich nicht bieten kann.

 

Kann denn die Digitalisierung die Situation in irgendeiner Weise entspannen?

 
Die Digitalisierung dient der besseren Zugänglichmachung von Archivgut, sie ist kein Allheilmittel zur Archivierung. Dabei stehen andere Archivalien zwar mehr im Vordergrund, aber die Digitalisierung vereinfacht zunächst auch die Nutzung von AV-Medien, da keine spezielle Hardware bspw. für VHS mehr benötigt wird. Allerdings sind Digitalisate für uns in erster Linie ein Nutzungsmedium. Im Archivgesetz ist klar geregelt, dass der Originalträger als Kulturgut dauerhaft zu erhalten ist. Das Ursprungsmedium mache ich durch die Digitalisierung nicht entbehrlich. Wir haben zum Beispiel den gesamten Urkundenbestand digitalisiert und präsentieren Teile davon im Internet, haben aber deswegen keine Urkunden weggeworfen.

 

Und wie gehen Sie dann mit den Digitalisaten um?

 
Es ist zu gewährleisten, dass die unter hohem finanziellen Aufwand angefertigten Digitalisate auch dauerhaft verfügbar sind. Das betrifft im Übrigen nicht nur die in Archiven angefertigten Digitalisate. An ihre Aufbewahrung müssen daher ähnlich hohe Anforderungen wie an die Archivierung von elektronischen Unterlagen gestellt werden. Außer dem Sächsischen Staatsarchiv unterhält kein sächsisches Archiv ein elektronisches Archiv nach den geltenden Standards. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann in Sachsen flächendeckend elektronisch archiviert werden. Alles andere was wir tun, ist hilfloses Zwischenspeichern mit allen Risiken. Der zweite Schritt muss dann sein, die Digitalisate online verfügbar zu machen. Leider waren die Bemühungen um ein sächsisches Archivportal erfolglos, daher setzen wir seit einiger Zeit auf das länderübergreifende Archivportal-D (Archivportal-D stellt Informationen über Archive und ihre Bestände aus ganz Deutschland und digitales Archivgut für die Nutzung bereit. Anm. d. Red.). Sächsische Archive sind dort sehr aktiv. Allerdings kann nur der Daten an das Portal liefern, der entsprechende technische Voraussetzungen zur Erschließung seiner Unterlagen hat, sprich eine handelsübliche Archivsoftware mit den notwendigen Schnittstellen. Ein Ein- oder Zwei-Personen-Archiv, das darüber nicht verfügt und seine Unterlagen beispielsweise mit Excel-Listen erfasst, hat es schwer, Daten an das Archivportal-D zu liefern. Wenn das Archiv zudem nicht archivfachlich besetzt ist, dann weiß keiner, was archivische Erschließung überhaupt bedeutet. Die Daten können nicht entsprechend aufbereitet an das Archivportal-D geschickt werden. Somit sind das betroffene Archiv und damit auch die Kommune, die Kirche, die Universität etc. selbst ausgeschlossen und tauchen auf der archivischen Landkarte nicht auf. Die Möglichkeiten sind da, aber die Archive müssen auch über die notwendigen personellen und technischen Grundvoraussetzungen verfügen. Mit dem Beruf des Fachangestellten für Medien- und Informationsdienst, Fachrichtung Archiv (FAMI) gibt es gut ausgebildetes Fachpersonal, dem sich die kleineren Archivträger, insbesondere die Kommunen, für ihre Archive stärker bedienen sollten.

 

Sie haben die vielfältigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Archivierungsauftrags umrissen. Ihr Verband macht diesbezüglich immer wieder die Politik auf die massive Problemlage in den Archiven aufmerksam. Letztlich betrifft sie auch die Sicherung des audiovisuellen Erbes. Können die aktuellen Bemühungen um dieses Erbe ein hilfreicher Katalysator sein?

 
Als wir 2014 den zwischen den sächsischen Regierungsparteien abgeschlossenen Koalitionsvertrag gelesen haben, mussten wir feststellen, dass die Archive überhaupt nicht auftauchen, mit Ausnahme des Filmerbes. Ich beglückwünsche Sie natürlich dazu, habe mich aber umgehend an die Koalitionspartner gewandt und darauf hingewiesen, dass die Archive in Ihrer ganzen Tätigkeitsbreite berücksichtigt werden sollten und nicht nur für eine ausgewählte und sehr spezielle Unterlagenart. Sächsische Geschichte und sächsische Identität sind eng mit den sächsischen Archiven verknüpft bzw. ohne die Archive undenkbar, denn hier lagern die dafür maßgeblichen Quellen. Umso wichtiger ist es, diese Quellen z.B. durch Digitalisierung einem breiten Interessentenkreis zugänglich zu machen. Leider mussten wir feststellen, dass die Archive auch im Programm „Sachsen Digital“ relativ unberücksichtigt geblieben sind. Für die Bibliotheken wurde ein umfangreiches Förderprogramm des Landes zur Digitalisierung aufgelegt, für Archive und ihre Träger gibt es derartige Programme nicht, sie müssen diese Aufgabe vollkommen aus eigenen Haushaltsmitteln realisieren. Diese Lücke kann auch das kürzlich gestartete Programm der DFG zur Digitalisierung archivalischer Quellen nicht schließen, um das sich bundesweit zahlreiche Einrichtungen bewerben werden.
Darüber hinaus ist uns generell wichtig, dass für die Bemühung um das AV-Erbe eine nachhaltige Lösung gefunden wird. Nur ein Projekt aufzusetzen, dass für drei Jahre Projektmittel für Digitalisierung bereitstellt, hilft hier nicht weiter. Es müssen Mittel in dauerhafte Strukturen überführt werden. Irgendetwas zu digitalisieren, ohne die Voraussetzungen für die Bewertung, Erschließung, Aufbewahrung und Nutzbarmachung zu schaffen, davon sollte man – unabhängig vom Unterlagentyp – absehen.

 

 

 

Grit Richter-Laugwitz
ist seit 2013 Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen
im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare
e.V. und leitet zudem seit 1991 das Stadtarchiv Bautzen
und seit 2001 den aus Stadtarchiv und Staatsfilialarchiv
bestehenden Archivverbund Bautzen. Zuvor absolvierte
sie ihr Studium (FH) der Archivwissenschaft.


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