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5. März 2019 // André Eckardt


Zwischen gestern und morgen

Sachsen im Spiegel seines audiovisuellen Erbes

Die eigene Lebenswelt zu dokumentieren – nie war dies umfänglicher möglich als mit Film und Video. Der Film war sozusagen im 20. Jahrhundert in Sachsen zur rechten Zeit zur Stelle, als der gesellschaftliche Wandel enorm beschleunigte. Zwischen eifrigem Traditionsbewusstsein und unlauteren Zukunftsversprechen nahmen hier Übergangsgesellschaften, nicht selten Verharrensgesellschaften, Platz, wovon ein reiches Filmerbe zeugt.

 

An der filmischen Zustandsbeschreibung wirkten Amateure, Professionelle und Kaum-Geduldete mit. Zumeist stumm und aus der Hand drehend waren unbekannte Laien mit ihren Kameras sehr nah dran am Zeitgeschehen. Sie achteten auf Großereignisse und kleine Besonderheiten in individuellen Bestandsaufnahmen mit großer Aussagekraft. Sie zeigen z.B. junge Frauen, die in einer Massenchoreographie 1941 im Dresdner Zwinger tanzen – ein unheimlicher Tanz auf dem Vulkan, denn die anmutige Darbietung entpuppt sich als Propagandaveranstaltung für eine Politik, die zur Zerstörung des Bauwerks führen wird. Ein anderer Augenzeuge hält 1959 den modernen Wiederaufbau in Dresden ebenso fest wie kurze Zeit später geschliffene Überreste der alten Stadt sowie die Umrahmung des Lebens von politischer Demonstration. Ein langjähriger, wichtiger Beobachter Sachsens war die DEFA, die sich u.a. der jahrhundertealten Kultur der Sorben widmete. Die Fortführung dieser Kultur schreibt sie im Film verantwortungsbewussten Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft zu, erwähnt aber auch die tabuisierte Zerstörung der sorbischen Heimat durch Braunkohlebagger. Außerhalb der staatlichen Strukturen, jedoch nicht verschont von konspirativer Observation nahmen junge Karl-Marx-Städter Off-Künstler die Kamera in die Hand – pessimistisch, poetisch, experimentell reflektierten sie das Lebensgefühl der Stasis in der DDR der 1980er Jahre. Und auch in der „Nachwendezeit“ stand der Mensch in Sachsen wieder mittendrin zwischen Zukunftsversprechen für alle und individuellem Schicksal. Darüber berichteten kontinuierlich und höchst unmittelbar über 50 lokale TV-Sender auch mit Lokalkolorit … und auch wieder mit sich rhythmisch bewegenden jungen Frauen.

 

Damit das filmische Gestern der morgigen Generation zugänglich bleibt, hat der Filmverband Sachsen 2016 bis 2018 in einer vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Pilotphase 370 Stunden audiovisuelles Erbe digitalisieren können. Wichtige und sehr dankenswerte Partner waren hierfür das Sorbische Institut, die Stiftung für das sorbische Volk, die Chemnitzer Filmwerkstatt, das Historische Archiv des Vogtlandkreises, die Hirsch-Film Filmproduktion, die DEFA-Stiftung und insbesondere die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, die ab 2019 die Sicherung des audiovisuellen Erbes programmatisch fortführen wird.

 

Das FVS-Programm ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN beim Filmfest Dresden:

 

Vorgesehen sind aktuell folgende Spielzeiten:
Do, 11.4.2019, 17 Uhr Schauburg Lang-Saal

Fr, 12.4.2019, 17 Uhr SLUB, Victor-Klemperer-Saal

Sa, 13.4.2019, 14.30 Uhr Schauburg Tarkowski-Saal

 

Filmfest Dresden

Trailer des Audiovisuellen Erbes in Sachsen

 


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